Auf Grand Tour.

Michael Hugentobler und Jörg Koopmann tun das, was eigentlich jeder von uns mal tun sollte: Sie reisen während zwei Monaten durch ganz Europa, finden Geschichten und erzählen uns diese in ihrem Blog. So waren sie zum Beispiel schon in England und sind dort auf dem gefährlichsten Weg Englands, dem Broomway, gelaufen. Michael hat sich auf der Fahrt von London nach Paris etwas Zeit genommen und meine Fragen beantwortet.

Hallo, wer bist du was ist euer Plan für die nächsten zwei Monate?

Ich bin Michael Hugentobler. Wir werden von London nach Istanbul zu reisen, mit einem Schlenker nach Nord- und Osteuropa. Unterwegs wollen wir Geschichten sammeln. Viele dieser Geschichten haben wir schon vor der Reise aufgegleist, aber wir haben auch Raum für spontane Geschichten.

Wie schaut eure Route aus und nach welchen Anhaltspunkten habt ihr sie ausgewählt?

Die historische Grand Tour war eine Reise der Neugierde. Englische Adelige reisten durch Europa, um zu sehen, was das für ein Kontinent ist, auf dem sie leben. Sie haben Tagebücher und Briefe hinterlassen, in denen sie uns von ihren Reisen erzählen. Wir wollen diesen Gedanken der Neugierde ins Jahr 2014 transferieren. Wir wollen nicht Sehenswürdigkeiten abklappern, sondern Menschen und Orte besuchen, die uns überraschen können. Anhand dieser Menschen und Orte entstand auch die Route.

Was habt ihr bis jetzt schon alles erlebt? Gibt es etwas, was euch besonders aufgefallen ist?

Wir spazierten auf dem gefährlichsten Weg Englands, wo es Treibsand und Minen gibt. Wir haben in Südfrankreich die Baustelle gesehen, wo irgendwann mal eine künstliche Sonne glühen soll. Wir haben das Enfant Terrible des französischen Theaters getroffen und mit ihm Spargeln gegessen. Wir haben auf einer finnischen Fähre Quiz gespielt. Mir fiel auf, wie gross Europa wirklich ist. Wenn wir fliegen, verlieren wir das Gefühl für Distanzen. Im Zug wird klar, wie weit Paris wirklich von Kopenhagen entfernt ist.

Warum tretet ihr die Reise mit dem Zug an?

Im Zug kann man sich frei bewegen, man kann in den Speisewagen spazieren, man kann mit Leuten plaudern. Man kann auch zum Fenster hinausschauen und die Änderungen in der Landschaft beobachten: In Richtung Südfrankreich wird die Erde irgendwann hell und trocken, in Südschweden bemerkt man plötzlich, dass man seit einer Stunde kein Haus mehr gesehen hat, sondern nur Birken und Seen. Im Flugzeug wird man von einer Stadt in die nächste gespickt, im Zug bemerkt man, was zwischen diesen Städten wirklich alles liegt.

Ist der Weg das Ziel?

Wenn man mit dem Flieger reist wohl weniger. Aber jeder muss selber entscheiden, wie wichtig ihm der Weg ist. Ich sehe keinen Grund, warum ich nur wegen eines Ziels reisen sollte.

Die Grand Tour ist ja eigentlich eine Bildungsreise. Habt ihr das Interrailen in euren jungen Jahren verpasst?

Ich war während 13 Jahren unterwegs und somit während dem grössten Teil meines Erwachsenenlebens. Meistens war ich allerdings in Südamerika, Afrika Asien und das Interrailen habe ich tatsächlich verpasst. Es ist eine tolle Gelegenheit, dies nun nachzuholen und Reportagen darüber zu schreiben. Ich gehe an diese Reportagen genauso heran, wie ich es als Journalist immer tue: Weil mich etwas neugierig macht und ich mehr darüber wissen will.

Erzählt mal noch etwas über die Hintergründe der Grand Tour.

Die Grand Tour begann im 16. und 17. Jahrhundert, weil da das Strassennetz in vielen europäischen Ländern ausgebaut wurde und es erstmals möglich war, relativ komfortabel vom einen Ort zum nächsten zu reisen. Lange Zeit war die Grand Tour für jene reserviert, die viel Geld und Zeit hatten. Im 19. Jahrhundert hatte dann ein Mann namens Thomas Cook die Idee, Reisen für jedermann anzubieten. Cook war bekannt für Einfälle, die immer nur scheiterten, aber in diesem Fall hatte er Erfolg. Er begründete den Massentourismus. Mit dem Massentourismus verschwand allerdings die Grand Tour und seither reist man nur noch zum Spass.

Könnt ihr die Reise überhaupt geniessen oder ist es mehr Arbeit?

Es ist harte Arbeit. Aber die schönste, die man sich vorstellen kann.

Gibt es in der Schweiz nicht genug interessante Geschichten? Reist ihr deshalb ins Ausland?

Die Medienkrise hat dazu geführt, dass nur noch wenige Verlage ihre Journalisten ins Ausland schicken. Es gibt nur noch wenige Geschichten, die wirklich vor Ort recherchiert werden. Die Grand Tour versucht, dem entgegenzuwirken und den Lesern ein Stück Europa näher zu bringen, das sie durch die tägliche Berichterstattung nicht kennenlernen. Wir sind gespannt auf die Reaktionen.

Auf welche Storys freut ihr euch am meisten?

Auf das dünnste Haus der Welt in Warschau. Auf den Bison in Ostpolen. Und natürlich auf all die kleinen Geschichten, die täglich auf uns zukommen.

Was habt ihr alles dabei? Ohne welche drei Dinge geht¹s es nicht?

Eine Tasche, einen Rucksack und ein Klappvelo. Wir sind sehr leicht unterwegs, damit wir spontan bleiben können. Ohne Laptop, Notizbuch und Aufnahmegerät geht eine solche Reise nicht.

Was sagt die Familie dazu, dass ihr einfach mal zwei Monate weg seid?

Sie sind froh, dass ich endlich mal weg bin. Als freier Journalist habe ich mein Büro zu Hause. Ich bin als Vater und Partner öfter präsent als einer, der am Morgen aus der Tür geht und am Abend zurückkommt.

Wo findet man eure Reportagen? 

Auf einem Blog (www.grandtour.freitag.ch), der extra für das Projekt erstellt wurde. Die Artikel erscheinen mit einer kleinen Zeitverzögerung, damit Jörg und ich flexibler sind.

 

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Michael Hugentobler und Jörg Koopmann

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