Die Zukunft ist jetzt.

Da steht er nun. 9,5 Meter gross im Durchmesser. So gross wie die Tunnelröhren im Gotthard-Basistunnel und erinnert ein wenig an einen Fingerring in XXL. Kinder haben diesen längst zum Spielen entdeckt, Pendler, Senioren und andere Besucher staunen ob dem futuristisch anmutenden Gebilde, das den Hauptbahnhof Zürich ganz schön klein aussehen lässt. Dieser überdimensionale Ring, das «Supersign», ist das Aushängeschild der multimedialen und interaktiven Ausstellung Gottardo 2016 und so gross, dass es nur in den grossen Bahnhöfen in Zürich, Bern und Basel aufgestellt werden kann.

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Nicht nur das «Supersign» beeindruckt. Auch die fünf anderen Mini-Tunnelringe fallen auf. Sie informieren rund um die Themen Geschichte und Technologie, lassen Zahlen und Fakten sprechen und zeigen die Bedeutung des Gotthard-Basistunnels für die Schweiz und Europa auf – interaktiv und multimedial. Ein Blick durch die «Virtual Reality»-Brille lässt die Besucher in die virtuelle Welt des Bergmassivs im Gotthard eintauchen. Man wähnt sich als Lokführer im Führerstand, die Tunnelröhren zum Greifen nah. Ganz schön futuristisch.

Themenbereich Mobilität der Zukunft
Themenbereich Mobilität der Zukunft

Futuristisch zu und her geht es auch in dem einen Tunnelring. Darin flimmern über fünf aneinandergereihten LED-Bildschirmen Züge, Trams und Autos durch Science-Fiction-Landschaften von Zürich nach Milano – im Jahr 2050. Sieht so unsere Mobilität in der Zukunft aus? Das wollen wir von der Visualisierungs-Künstlerin, Futuristin und Creative Consultant Sophie Charlotte Andresen erfahren, die dieser Frage nachgegangen und den Science Fiction-Film produziert hat.

Sophie Charlotte Andresen
Sophie Charlotte Andresen

Sophie, du kommst direkt aus Tokio. Warst du im Hightech-Land auf der Suche nach Inspiration?
Ja, richtig. Mein Freund ist beruflich nach Tokio gereist, ich habe ihn begleitet. Tokio ist in meinem Augen die Stadt der Zukunft und ideal, um sich inspirieren zu lassen. Beeindruckt hat mich die Dichte in der Stadt, jeder Meter wird genutzt, kein Zentimeter dem Zufall überlassen. Da gibt es aufgrund des Platzmangels Parktürme, um die Autos so platzsparend wie möglich übereinander zu parken. Diese werden in einer Art Riesenrad auf verschiedene Etagen gebracht. Aber auch die Funktionalität der Dinge hat mich immer wieder überrascht. Alle Gegenstände besitzen eine klare Funktion, alles ist darauf ausgerichtet, den Benutzern das Leben zu erleichtern, wie zum Beispiel eine beheizbare Toilettenbrille (lacht).

Natürlich habe ich mich auch mit auch mit originaler japanischer Science-Fiction-Anime eingedeckt. Diese Comics sind wegweisend für meine Arbeit, viele meiner Kunden verlangen genau diesen japanischen Science-Fiction-Stil. Wenn ich Zukunftsstädte konzipiere, stammen viele Einflüsse von Tokio oder Hongkong. Ja, Tokio ist definitiv inspirierend.

Inwiefern sind uns die Japaner in Sachen Mobilität voraus? Und was machen sie besser, wo können wir von ihnen lernen?
In Tokio gibt es grosse Platzprobleme, darum baut man in die Höhe, was viele Vorteile mit sich bringt. Das Angebot im öffentlichen Verkehr ist gross, das Netz dicht und engmaschig. Ich bin in Tokio mit den unterschiedlichsten öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren; alle Transportmittel sind gut aufeinander abgestimmt und vernetzt, das Reisen ist einfach, bequem und schnell. Die Japaner sind ausserdem ständig am Optimieren. Alles hat Sinn und Zweck, ist technisch ausgerichtet, auch auf allfällige Notfälle, nichts ist überflüssig. Im Zug wird über Screens angezeigt, in welchem Abteil man sitzt, wo die Notausgänge sind und welche Anschlusszüge man wann und wo erreicht. Auf den Perrons steht man übrigens in der Reihe genau dort an, wo die Markierungen am Boden aufgezeichnet sind. Auch entsprechende Apps liefern alle Informationen, die für die Kunden nützlich sind.

Der technologische Fortschritt ist generell weit gereift. Es liegt Dynamik in der Luft, alles und alle sind ständig in Bewegung. Natürlich können wir diese Kultur und die Modelle aus Japan nicht einfach so in die Schweiz übertragen. Hier ist alles kleiner, gemütlicher, entschleunigt, aber auch langsamer und schwerfälliger als in Japan. Die Schweizer sind traditionell, daher ist es fraglich, ob Modelle aus Japan hier eine Chance hätten. Da aber auch in der Schweiz der Platz enger wird, braucht es früher oder später neue und angepasste Transportmodelle für die Zukunft.

Mobility of the Future by Sophie Charlotte Andresen

Welches werden deiner Meinung nach die markantesten Veränderungen sein, die die Zukunft in Sachen Mobilität mit sich bringt? Wird sich die Mobilität, im Speziellen das Zugfahren, verändern?
Markant ist relativ, ich glaube, dass Veränderungen schleichend Einzug halten in unserer Realität. Sie werden daher nicht unbedingt als markant wahrgenommen – obwohl sie das objektiv gesehen vielleicht wären. Zu den Veränderungen: es wird sicher immer grössere visuelle Wiedererkennungswerte geben, sowohl in Bahnhöfen wie auch in Transportmitteln. Also LED-Leuchttafeln, Hologramme, Bilder, Videos, Buttons und generell mehr Licht und Ton zur Erregung von Aufmerksamkeit der Pendler.

Zudem wird es wohl in den Zügen eine Verdichtung an Plätzen geben, da es in Städten immer enger wird durch Zuziehende aus der Umgebung: mehr Menschen wollen zur gleichen Zeit noch schneller an unterschiedlichen Orten sein. Daher wird es wichtig sein, die Zeit, die man mit Pendeln im Zug verbringt, sinnvoll zu nutzen. Das fordert stabile und schnelle Internetverbindungen auch in Tunneln, damit Menschen in ihrer Reisezeit immer mit dem Internet verbunden sein können. Nicht nur für die Arbeit, sondern auch zu ihrer Unterhaltung. Vielleich wird es ähnlich sein wie heute im Flugzeug, so dass jeder Sitz ein Entertainment-System hat, das man nach Belieben nutzen kann.

Weiter macht es sicher Sinn, dass man Pendlern auf kürzeren Strecken mit LEDs anzeigt, wo sie bei der nächsten Station die Ausgänge finden, wo genau sie im Bahnhof ankommen und welches die nächsten Anschlüsse sind. Ich denke auch, dass neben des Ausbaus des öffentlichen Verkehrs in den Städten Carsharing mit Elektroautos zunehmen wird. Die Verwandlung in eine «Smart City» – in welcher die Verknüpfung verschiedenster Transportmittel miteinander kombinierbar sein wird, ist greifbar. Dank technologischem Fortschritt und ausgereifter Kommunikation können Abläufe reibungslos funktionieren und den Pendlern das Leben erleichtert: Man muss beispielsweise nicht mehr zehn verschiedene externe Apps auf seinem Smartphone abrufen, weil das jeweils aktuell benutzte Fahrzeug direkt mit dem Pendler kommuniziert. Es sagt die nächsten Anschlüsse an, meldet ob Verspätungen vorliegen oder auf der gewählten Route Stau herrscht.

Mobility of the Future by Sophie Charlotte Andresen

Wenn du den Zug der Zukunft bauen könntest, wie würde er aussehen und welche Funktionen oder welchen Nutzen müsste er erfüllen?
Ich glaube, dass die Züge der nahen Zukunft nicht völlig neuartig sein werden. Eher werden bisher bestehende Elemente unser heutigen Züge perfektioniert. Pendlern sollte das Pendeln erleichtert werden, indem Züge werden vernetzt werden und das System sich automatisch auf Verspätungen abstimmen und flexibel darauf reagieren kann.

Mobility of the Future by Sophie Charlotte Andresen

Was bedeutet es für dich, mobil zu sein?
Es bedeutet, nicht nur auf die Nutzung eines Transportmittels beschränkt zu sein, sondern vielmehr geht es um eine Lebenseinstellung, die mit einer hohen Flexibilität zusammenhängt. Mobil bin ich, wenn ich heute in Berlin und Morgen in Tokio sein kann und meinen mobilen Arbeitsplatz, mein Laptop, einfach mitnehmen kann. Ich bin nicht beschränkt auf einen Ort oder ein Büro, sondern geografisch flexibel.

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Sophie Charlotte Andresen vor dem Themenbereich «Mobilität der Zukunft»

Du bist ein Digital Native und mit der digitalen Revolution aufgewachsen. Beim Entwickeln deiner Arbeiten lebst du oft in einer virtuellen Welt und denkst dir Zukunftsszenarien aus. Wie bleibst du mit der Realität verbunden?
Realität findet auf verschiedenen Ebenen statt und die Realität wird immer mehr von der digitalen Realität beeinflusst. Für mich ist der Cyberspace eher Realität als die reale Welt. Ich bin fast immer online, schaue mich nach neuen Ideen um, suche Inspiration oder treffe virtuell Freunde, unabhängig von Ort und Zeit. Denn dort wo ich geografisch gerade bin, ist irrelevant. In Zeiten von Facebook, Skype und anderen soziale Netzwerken ist alles möglich. Das Internet ermöglicht mir, meinen Lebensstil entsprechend meinem Biorhythmus zu leben. Grenzen, egal welcher Art, engen mich ein und rauben mir meine Kreativität.

Woher nimmst du die Inspiration, woher kommen deine Ideen?
Schon als Mädchen mochte ich Kunst und schaute stundenlang Grafikbücher an, die bei uns zu Hause herumlagen. Später lernte ich Mangas, die japanischen Comics kennen und tauchte ganz in die Science-Fiction-Welt ein. So entdeckte ich auch die «Neuromancer»-Trilogie, nach der ich meinen Blog benannte. Weiter inspirierten mich Genreklassiker wie «The 5th Element», «Blade Runner» oder die Welten von H.R. Giger, die japanischen Anime Akira sowie Bildwelten, die die Grenzen des gängigen «guten Geschmacks» auch mal übertreten. Aus all diesen Inspirationsquellen erschaffe ich meine eigenen Visualisierungen ganz nach dem Motto meines Lieblingsautors William Gibson: «The future is already here – it‘s just not evenly distributed». Will heissen: «Die Zukunft ist schon da – nur noch nicht gleichmässig verteilt».

Sophie Charlotte Andresen, 24, kommt aus Bern und lebt in Berlin. Sie hat Jura und Politikwissenschaften studiert aber sich noch während ihrem Erasmus-Austauschsemester in Berlin gegen einen Abschluss entschieden. Ganz Generation Y und voll im Künstlerleben aufgeblüht, hat sie ihren Blog «Neuromaencer» weiter vorangetrieben und innert kurzer Zeit eine grosse Community mit 40 000 Followern aufgebaut. Dank ihrer Internetpräsenz und ihrem grossen Netzwerk ist auch Hollywood auf sie aufmerksam geworden. Sophie berät in der ganzen Welt als Creative Consultant Filmemacher wie Rupert Sanders (Snow White and the Huntsmen) oder Carl Erik Rinsch (47 Ronin) und kreiert als freie Künstlerin digitale Science Fiction-Welten.
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Produktionsteam Video „Mobility of the Future“
-Sophie Charlotte Andresen, Creative Director
-Giovanni Conti, Art Director & Music
-Giulio de Lorenzo, 3D Artist
-Edon Guraziu, 3D Artist
-Bojan Koturanovic, 3D Artist

 

Aufbau des «Supersign» am HB Zürich im Zeitraffer.

 

Die Ausstellung Gottardo 2016 dauert an bis Mai 2016 und macht Halt in den grössten Schweizer Bahnhöfen. Mehr zu Gottardo 2016 und zur Ausstellung www.gottardo2016.ch

 

 

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