Oben drüber statt unten durch: Direttissima und SAC- Wanderung über den Gotthard- Basistunnel.

Da stehen wir nun und frieren – 49 Teilnehmer einer zweitägigen SAC-Wanderung – auf ca. 2300 m ü. M. in der Nähe des Chrüzlipasses im Urnerland. Unter uns – viele hundert Meter tiefer – liegt exakt die Linie des neuen Gotthard-Basistunnels. Im Juni 2016 wird dieser 57 Kilometer lange Tunnel eröffnet und schon ab Dezember 2016 würden Züge mit bis zu 200 km/h unter uns durchdonnern. An diesem mystischen Ort steigt der Respekt gegenüber dem Jahrhundertbauwerk umso mehr und die Kälte rückt für einige Minuten in den Hintergrund.

Text und Bilder: Sabrina Bigler

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Direttissima und SAC-Wanderung über den Gotthard-Basistunnel.

Rückblick: Das Datum und die Uhrzeit ziemlich genau einen Tag zurückgestellt, fing alles noch ganz unspektakulär an. Am Bahnhof Erstfeld warteten ich und eine Kollegin gespannt auf die weiteren Teilnehmer der organisierten Wanderung im Rahmen des Projekts Gottardo 2016. Schon bald traf eine – aufgrund der montierten farbigen Regenjacken wortwörtlich – bunte Gruppe Wanderer ein und die erste Frage lautete während den nächsten Stunden jeweils: «Und weshalb bist du bei dieser Wanderung dabei?» So lernten wir innerhalb kurzer Zeit die unterschiedlichsten Teilnehmer und Teilnehmerinnen kennen. Von den engagierten Projektmitverantwortlichen, über die sportlichen Bergführer, motivierten Sponsoren von Gottardo 2016, rüstigen Seniorinnen und weiteren gutgelaunten Wanderbegeisterten war alles dabei. Der gemeinsame Nenner lautete: Oben drüber statt unten durch.

Gemeint ist damit über den Gotthard-Basistunnel – und zwar in möglichst exakter Linienführung der 57 km langen Tunnelstrecke. Da diese über unwegsames Gelände führt, übernahmen glücklicherweise erfahrene Bergsportler (unter der Leitung von Dani Arnold) und Mountainbiker (u.a. Lukas Stöckli) diese herausfordernde Aufgabe an der sogenannten Direttissima in einem Staffellauf – an nur einem Tag wohlgemerkt. Ich zolle den Sportlern grösstmöglichen Respekt, denn nur schon der Wegverlauf der beiden SAC-Wanderungen auf bestehenden Wanderwegen benötigt einiges an Muskelkraft und Ausdauer.

Unsere Route führte von Bristen via Etzlihütte nach Sedrun, die gleichzeitig gestartete Wanderung vom Süden her vom Lukmanierpass via Cadlimohütte ebenfalls nach Sedrun.

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1220 Höhenmeter hoch bis zum (Zwischen-) Ziel.

Und so starteten wir pünktlich, motiviert und gut ausgerüstet mit einem erhaltenen «Überlebensset». Dessen Inhalt stellte sich im Verlauf der Wanderung als überaus hilfreich heraus, denke man an die Ohrenstöpsel (Stichwort Schnarchen) oder den Regenponcho. Mit dem Bus ging es am Infocenter Erstfeld vorbei nach Bristen zur Golzeren Talstation. Im einsetzenden Regen begrüssten uns die sympathischen Urner Tourenleiter SAC, bei welchen wir uns in den nächsten zwei Tagen in besten Händen befanden.

Von nun an hiess es, 1220 Höhenmeter Richtung Etzlihütte des SAC zurückzulegen. Die Sonne begleitete uns dabei nur während kurzen Abschnitten, grösstenteils lief unser Wander-Tatzelwurm im Regen und Nebel. Dies war nicht nur logistisch eine Herausforderung (Regenjacke an, Regenjacke aus …), sondern war vor allem bedauerlich, weil wir nicht mehr von der wundervollen Umgebung wahrnehmen konnten. Denn in den kurzen trockeneren Momenten konnte man eine wunderbare Umgebung erahnen – von Mooren über die gewaltigen Bergmassive bis zum schon fast lieblich wirkenden Etzlital.

Im letzten Abschnitt setzen wir alle unfreiwillig noch mehr Energie frei – Blitz und Donner sei Dank – aber wir trafen dennoch durchnässt in der heimeligen Etzlihütte ein. Die gemütliche Stube förderte spannende Gespräche und die Hüttenmannschaft zauberte ein stärkendes 4-Gang-Menü. Das Highlight war aber klar der Hotpot unter dem Sternenhimmel (hätten wir denn klaren Himmel gehabt), in welchem wir die erschöpften Muskeln lockern konnten. So hätten wir – mal abgesehen vom Schlafmangel aufgrund der Massenschläge – ganz relaxt in den zweiten Tag starten können.

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Über den Chrüzlipass hinunter zum gemeinsamen Fest in Sedrun.

Am zweiten Tag reichte ein Blick nach draussen, um schnell zu merken, dass es ein kalter Start in den Tag werden würde. Leichter Schneefall hatte die Umgebung überzuckert und so hiess es, Mützen und Handschuhe anzuziehen. Kurz zeigte sich die Sonne während des steilen Aufstiegs zum Chrüzlipass und tauchte die Alpenlandschaft in ein wundervolles Licht, so dass einem wenigstens der Blick zurück auf die Etzlihütte es warm ums Herz werden liess. Die Sonne verschwand aber leider so schnell wie sie gekommen war – und von da an blies uns ein steifer Wind um die Ohren.

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«Und so stehen wir eben hier an dem mystischen Ort direkt über der Gotthard-Basislinie, frieren und staunen.»

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Zu lange können wir der Kälte jedoch nicht standhalten. Zudem erwartet uns ein Überraschungs-Apéro auf dem Chrüzlipass in 2347 m. Mit einem Gläschen Weisswein und einem Speckbrot intus, fühlt sich der steile Abstieg nach Sedrun merklich lockerer (und heiterer) als zuvor an. Zudem lassen wir uns immer wieder vom romantischen Flüsschen Strem ablenken, welches idyllisch im gleichnamigen Val Strem durch ein Hochmoor mäandriert. Und apropos Ablenkung: Dafür sorgen auch die zahlreichen wohlgenährten Murmeltiere, welche den Weg säumen.

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Bündner Gastfreundschaft.

Das Bündner Dörfchen Sedrun kommt schnell in Sichtweite. Mit dem Wissen um die Bündner Gastfreundschaft und wärmenden Sonnenstrahlen steuert unsere Gruppe auf den Dorfkern zu. Hier erwarten uns bereits herzlich die Wanderer der Südseite (welche aufgrund des Neuschnees leider nicht die geplante Route durchführen konnten), der Gemeindepräsident Sedruns, ein «Finisher-Gschänkli» und ein wohlverdientes Festmahl. Bratwurst essend lassen wir gemütlich die eindrücklichen vergangenen zwei Tage Revue passieren und warten gespannt auf die Teilnehmer der Direttissima. Diese waren bereits um 4 Uhr in den Tag gestartet und sollten in der nächsten Stunde eintreffen. Diese Zeit lässt sich hervorragend mit einem Besuch des Infozentrums Gallaria Alpina überbrücken, in welchem anschaulich die Dimensionen des Gotthard-Basistunnels dargestellt sind.

Um ca. 17 Uhr ist es dann soweit: Nach 10 Stunden vom Norden bzw. 13 Stunden vom Süden her treffen alle Athleten unter Applaus auf dem Festgelände ein. Herzlich empfangen werden neben den Profisportlern auch die sportlichen Vertreter der AlpTransit AG (Werner Marti), der SBB (Andreas Meyer) und dem Bundesamt für Verkehr (Toni Ebert), welche jeweils einen Teil der Direttissima erfolgreich absolviert haben. Als Staffelübergabe diente jeweils ein Tessiner- und Urner Granitstein, welche nun zusammengeführt in Sedrun als «Sinnbild für die neue, leistungsfähige Nord-Süd-Verbindung durch den Gotthard-Basistunnel» dienen.

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Nach diesem symbolischen Akt wird es Zeit, das Bündnerland wieder Richtung Bern zu verlassen – die abschliessenden Feierlichkeiten muss ich den Tanzerprobteren überlassen. Mich zieht es vor allem ins Bett, wo ich bestimmt von der Kälte, dem Regen und Schnee träumen werde, vor allem aber von den wirklich eindrücklichen zwei Tagen über dem Gotthard-Basistunnel inmitten wunderschönster Berglandschaften und neuen geschlossenen Wanderfreundschaften. Nur vor dem Aufwachen fürchte ich mich ein wenig, dem obligatorischen Muskelkater sei Dank …

 

Die Wanderung in Kürze.

  • Start: Silenen Talstation Golzeren 832 m
  • Ende: Sedrun Bahnhof 1441 m
  • Via: Etzlital – Hinterer Etzliboden 1240 m – Alp Gulmen – Etzlihütte SAC 2052 m (Übernachtung) – Müllersmatt – Chrützlipass 2347 m – Sedrun (siehe Karte, PDF)
  • Wanderzeit: Tag 1: ca. 4h; Tag 2: ca. 3.5h
  • Höhendifferenz: Tag 1: aufwärts 1220 m; Tag 2: aufwärts 366 m, abwärts 1009m
  • Belag: Anfangs steiler Waldweg, nachher mehrheitlich Kiesstrasse bis zum letzten steilen Abschnitt über felsigen Weg hoch zur SAC-Hütte. Der zweite Tag startet steinig und steil. Vorsicht bei nassen Bedingungen oder Schnee. Der Weg hinunter nach Sedrun geht zu Beginn recht in die Knie, folgt aber nachher gemütlich dem Bach entlang einer Moorlandschaft in die Dorfmitte Sedruns.
  • Angsttropfen:
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    Dadurch, dass wir von kompetenten Tourenleitern geführt wurden, waren wir stets in sicheren Händen.
  • Schweisstropfen:
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    Da wir durch den Regen und Nebel auch von oben feucht wurde, kann ich nicht mehr genau sagen, ob wir schlussendlich einfach durchnässt waren oder verschwitzt. Jedenfalls hat es vor allem der Aufstieg zum Chrüzlipass in sich.
  • Empfehlungen: Sich von der Strapazen und Kälte im Hotpot der Etzlihütte erholen
  • Fauna: viele Murmeltiere gesehen, welche noch die letzten Tage vor dem Winterschlaf genossen haben
  • Flora: wunderschönes Hochmoor, viele Heidelbeersträucher (bereit zum Pflücken), Alpenweiden, Blauer Eisenhut, Wollgras
  • Highlights: das imposante Gotthardmassiv und der Hotpot
  • Einkehren: Picknick empfohlen, da keine Restaurants oder Alpbeizli auf dem Weg liegen, ausser der SAC-Hütte.

Weitere Impressionen.

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sabrinaSabrina Bigler ist als Travelline stets unterwegs: auf Wanderwegen, unter Wasser, auf Schienen, in der Luft oder auch ganz gerne im World Wide Web.

 
 
 
 
 
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3 Artikel

5 Kommentare zu “Oben drüber statt unten durch: Direttissima und SAC- Wanderung über den Gotthard- Basistunnel.

  1. Wunderbarer Bericht mit den eindrücklichen Bildern über die 2-tägige Wanderung über den Gotthard-Basistunnel von Sabrina. Mir kamen fast die Tränen beim Lesen, so schön und „süffig“ geschrieben und an das Erlebnis dieser Tage. Ich war überrascht von den positiv aufgestellten und fitten Teilnehmern! Es war einfach ein toller, würdiger Anlass!

  2. Hoi Sabrina
    Das finde ich eine sehr gute Idee. Würde die Tour gerne machen. Frage: gibt es einen Kartenausschnitt mit dem genauen Tourenverlauf?
    Wenn ja wie kommt man dazu
    Mit Gruss und Dank für den Bericht
    Martin

    1. Hallo Martin
      Merci für deine Anfrage. Ich habe einen Kartenausschnitt hinzugefügt bei der Kurzbeschreibung unter ‚Via‘. Ich hoffe das reicht dir so?
      Wünsche dir schon jetzt viel Spass auf dieser super Wanderung!

      Beste Grüsse
      Sabrina

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