Gebrauchsanweisung für den Kaffeehaus-Besuch in Wien.

Wien ist Kakanien (K & K, sprich kaiserlich-königlich-monarchisch), Wien ist Wiener Walzer und Wiener Kaffeehaus.

Doch gerade für Reisende aus der Schweiz ist so ein Kaffeehausbesuch – sagen wir mal so – mit sprachlichen und kulturellen Verständigungsschwierigkeiten verbunden. Zum Beispiel diesen hier:

  • Warum sind alle so unfreundlich zu mir?
  • Was ist ein «kleiner Brauner»?
  • Warum reagiert der Kellner indigniert, wenn ich «eine Stange» bestelle?
  • Was um Himmels Willen ist ein Blunzngröstl?

Unfreundliches Personal im Kaffeehaus?

Wenn ihr auf TripAdvisor lest, dass das Personal in klassischen Kaffeehäusern unfreundlich ist, hat das ziemlich sicher folgende Gründe:

Der Herr Ober (ihn so ansprechen, ist seeehr hilfreich) ist Kaiser, König und überhaupt in seinem Kaffeehaus. Er betrachtet es als seine Bühne und er sorgt für die besondere Atmosphäre in seinem Kaffeehaus. Wenn man ihn übergeht, hat man verloren. Deshalb gerade in den klassischen Kaffeehäusern wie Central, Landtmann, Schwarzenberg, Sacher, Griensteidl, Frauenhuber, aber auch Museum: immer beim Eingang oder kurz dahinter warten, bis einen einer der dienstbaren Herren sieht, ihm kurz sagen, ob ihr was essen oder was trinken wollt (man kann in jedem Kaffeehaus IMMER essen und trinken, aber dann weiss er schon, was ihn erwartet), und dann werdet ihr einen Tisch bekommen (oder ihr bekommt gesagt, dass ihr euch einfach setzen könnt, diese Möglichkeit gibt’s auch). Wichtig ist darüber hinaus: Blickkontakt aufnehmen, höflich Fragen, flirten, lächeln, auf seinen Wiener Schmäh mit trockenem Humor eingehen. Dann werdet ihr höflich bedient werden. Was GAR NICHT geht: einfach reinlatschen, ein paar Tische zusammenschieben und sich hinsetzen, Fingerschnipsen, ihn Kellner statt Herr Ober nennen (alles schon selbst beobachtet). Dann werdet ihr mit Verachtung schlecht bedient.

Welches Kaffeehaus?

Die klassischen habe ich oben erwähnt. Wenns etwas weniger touristisch sein soll: Das Ritter (keine Website!) und das Europa, beide in der Mariahilferstrasse. Gerade das Ritter ist so schön schäbig, wie die Kaffeehäuser früher alle waren. Bestellt dort einen Kaiserschmarrn und ihr werdet glücklich sein (übrigens: Sowohl im Ritter als auch im Europa gibt es abgetrennte Raucherbereiche.) Ach ja: Es gibt Kaffeehäuser mit Aussenbestuhlung. Das ist dann der Schanigarten.

Wie Kaffee bestellen?

Die Kaffeekarte in Wiener Kaffeehäusern ist lang, sehr lang. Deshalb kannst du zusehen, wie sich bei der Bestellung von «Ich möchte einen Kaffee», die Laune des Obers schlagartig verschlechtert. Denn da muss schon was Konkretes kommen. Zum Beispiel das da:

  • «Ich hätt gern einen kleinen/grossen Schwarzen.» = schwarzer Kaffee, also korrekt ein Mokka (Espresso), sonst nichts, klein = in einer Espressotasse, gross = als doppelter Mokka in einer normalen Tasse serviert.
  • «Ich hätt gern einen kleinen/grossen Braunen.» = entspricht dem Schweizer Café crème. Und nein, bitte nicht einen «Café crème» bestellen.
  • «Ich hätt gern eine Mélange.» = Mokka mit warmer Milch und Milchschaum, so ähnlich wie ein Milchkaffee.

Alles weitere entnehmt ihr bitte der Kaffeekarte (und googelt. Gratis-WLAN gibts in einigen Kaffeehäusern). Und ja: Ein Glas Wasser kommt automatisch dazu.

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Eine Melange und ein kleiner Schwarzer im Café Ritter.

Wie Bier bestellen?

Wenn auf deine Bestellung «Ich hätt gern ein Bier» die Gegenfragen kommt: «Seidl» oder «Krügerl», dann ist «Stange» die falsche Antwort. Das «Seidl» entspricht etwa einem drittel Liter (0,354 l) und das «Krügerl» oder die «Halbe» dem halben Liter.

Wie Wein bestellen?

«Ich hätt gern ein Glas Grünen Veltliner» ist schon mal ein guter Anfang für eine Weinbestellung. Jetzt kann das Glas natürlich mehr oder weniger gefüllt werden: zum Beispiel mit 1/8-Liter («Achterl») oder ¼-Liter («Vierterl»). Die Österreicher habens nicht so mit Dezilitern sondern mehr mit Achteln und Vierteln (= 0,125 l und 0,25 l) (Auch bei der Uhrzeit: ¼ 8, ½ 8 ¾ 8 …..) . A propos Wein: In Wien gibts «Heurige», das sind Lokale, die jungen Wein von diesem Jahr (= von heuer) ausschenken. Es gibt Stadtheurige (in der Stadt) oder solche etwas ausserhalb, zum Beispiel in Grinzing. Zum Heurigen isst man deftige Kleinigkeiten wie zum Beispiel ein Liptauerbrot (Brotaufstrich aus trockenem Topfen mit Paprika, Gurkerln und Gewürzen) oder ein Grammelbrot (mit ausgelassenen Speckwürfeln, also knusprigem reinen Speck). Das alles ist extra so fettig und mastig, damit der Wein besser vertragen wird.

Was ist ein Blunzngröstl?

Ich hole mal aus:

In Wiener Kaffeehäusern kann man den ganzen Tag über was essen. Immer auf der Karte sind verschiedene Frühstücksspezialitäten, aber auch Kleinigkeiten wie diverse Würstl (Frankfurter, Debreziner usw.) mit Senf und Kren, mit (Kaiser-)Semmerl, Erdäpfelsalat oder auch Vogerlsalat serviert. Dann natürlich Frittatensuppe, Gulasch, faschierte Schnitzel und selbstverständlich auch Wiener Schnitzel. Manchmal auch Blunzngröstl. Unter den Mehlspeisen sind der Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster, die Buchteln oder auch Palatschinken äusserst beliebt.

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Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster.

Du verstehst grad nur Bahnhof? Hier der Text nochmals, mit den Bezeichnung der Speisen wie mans in der Schweiz sagen würde:

In Wiener Kaffeehäusern kann man den ganzen Tag über was essen. Immer auf der Karte sind sind verschiedene Frühstücke, aber auch Kleinigkeiten wie diverse Würstchen (Wienerli, Paprikawurst usw.) mit Senf und Meerrettich, mit Brötli/Mütschli, Kartoffelsalat oder auch Nüsslisalat serviert. Dann natürlich Flädlisuppe, Gulasch, Hacktätschli und selbstverständlich auch Wiener Schnitzel. Manchmal auch Bratkartoffeln mit gebratener Blutwurst und Speckwürfeln. Unter den Desserts sind die luftig-süssen, zerteilten Omeletts mit Zwetschgenkompott, die gefüllten süssen gebackenen Hefetaschen oder auch Crêpes äusserst beliebt.

So: Und hier noch eine Aufgabe:
«A Eitrige mit an 16-er-Blech» am Würstlstand am Schwarzenbergplatz oder bei der Oper bestellen und schauen, was ihr dann bekommt.

Mahlzeit!

Savas und hobts a guade Zeit!

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In seiner vollen Pracht: das Wienerschnitzl im Frauenhuber.

 

PS: Warum ich mich erdreiste, diese Tipps zu geben. Ich besuche Wien seit 1976 regelmässig. Und habe österreichischen Migrationshintergrund. Ein paar Stichwörter zu meinen Erlebnissen: Elisabeth. Cats. Ein Sportstück. Heldenplatz. Elektra. Klimt. Kokoschka. Schiele. Hundertwasser. Life Ball. Volksgarten. Sophiensäle. Motto. Wiener Philharmoniker und Symphoniker. Gert Voss. Hofreitschule. Gartenpalais Liechtenstein, Schönbrunn. Secession. MAK.

 

Titelbild: Pv aus nl [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons.

4 Artikel

3 Kommentare zu “Gebrauchsanweisung für den Kaffeehaus-Besuch in Wien.

  1. I bin a Weana und lebe in Zürich. Ein kl./gr. Brauner ist niemals gleich wie ein Cafe Creme.
    Ein Mokka ist niemals gleich ein Espresso (chiedi un italiano vero). Seawas, da Peda

    1. Grüessech Herr Janczer, ja, über Kaffee lässt sich trefflich diskutieren (am besten bei einer Tasse desselben). Und nein: Ich schrieb nicht, dass ein Brauner ein Café crème ist. Sondern dass er dem entspricht (in etwa ungefähr, ansatzweise, könnte man noch ergänzen). Letztlich kann mans nicht vergleichen. Mein Ziel war jedoch, eine für Schweizer verständliche Analogie herzustellen. (Und: Ehrlich gesagt bin heilfroh, dass Sie als Wiener nicht mehr Einwände hatten … ) In diesem Sinne: Seavas, die Nora.

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