Ein Wochenende für die Geschichtsbücher.

Die Weltpresse hat die Schweiz in den vergangenen Tagen gerühmt: Über 17 Jahre wurde der längste und tiefste Eisenbahntunnel der Welt gebaut – ein Meisterwerk Schweizer Präzision.

Wir wollten den Weltrekord mit eigenen Augen sehen. Für das Eröffnungswochenende in Rynächt im Kanton Uri haben wir uns schon früh Zugbillette reserviert. Denn sechs Monate vor der Aufnahme in den offiziellen Fahrplan hat die SBB den neuen Basistunnel zwei Tage lang für Zugbegeisterte geöffnet.

Historische Lokomotiven in Erstfeld.

Die Anfahrt von Zürich hätte nicht bequemer sein können. Per Extrazug kommen wir ohne Umsteigen in etwas mehr als einer Stunde in Erstfeld an. Für diesen speziellen Anlass haben wir uns natürlich Sitzplätze in der 1. Klasse gegönnt. Es hat genügend Platz, aber alleine sind wir nicht: Die Vorfreude ist gross bei Familien mit Kind und Kegel, Vätern mit Söhnen und Grosseltern mit Grosskindern.

Kurz vor Erstfeld rollt der Zug am Festplatz von Rynächt vorbei. Wir bekommen einen Vorgeschmack auf die Festivitäten auf dem grossen Gelände. Aber zuerst wird uns das Lokomotivdepot gleich beim Bahnhof Erstfeld beschäftigen … Dort sind die Tore für einmal weit geöffnet, und historisches Rollmaterial vom braunen Krokodil bis zum roten Churchill-Pfeil werden zur Schau gestellt.

Bei den meisten Loks kann man in den Führerstand klettern, was ich mir natürlich nicht entgehen lasse. Die älteren Besucher schwelgen in der Nostalgie. Und die Kleinen sind damit beschäftigt, ihre Stickeralben zu füllen: In vielen der historischen Lokomotiven verstecken sich kleine Steckbriefe, welche es zu sammeln gilt.

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Attraktionen für Jung und Alt in Rynächt.

Alle fünf Minuten verlässt ein Gelenkpostauto den Bahnhof Erstfeld. Eigentlich haben wir mit Wartezeiten gerechnet, aber die logistische Abwicklung der Besuchermassen verläuft reibungslos und im Nu kommen wir in Rynächt an.

Die SBB hat in ihrem Unterhaltungskonzept alle Altersgruppen berücksichtigt. Zusammen mit den Hauptpartnern Credit Suisse, Coop, Mondaine, Stadler, Mobiliar und ABB wurde eine Gottardo App entwickelt, mit der Besucher den Tunnel virtuell erleben können – sei es mit Virtual Reality-Brille oder gleich mit dem eigenen Smartphone.

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In einem Container werden die verschiedensten Güter ausgestellt, welche SBB Cargo tagtäglich durch den Eisenbahntunnel transportiert. Und für die Kinder hat die SBB einen Erlebnispark gebaut, wo sie in einem Sandkasten als Mineure verkleidet nach Schätzen suchen können. Es scheint den jüngsten Besuchern Spass zu machen.

Nur schade, dass wir zu gross sind für den Minizug, der eine Mini-Gotthardröhre durchquert …

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Für die gelungene Fotowand am Stand der Post sind wir dafür nicht zu alt, und wir lassen uns als Mineure verkleidet ablichten!

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Nebenan schlagen die Herzen Dutzender Briefmarken- oder Münzensammler vor Freude höher: Die eigens für das Eröffnungsjahr kreierte Gottardo-Briefmarke hat es in sich: Sie enthält eine Schicht Gesteinspulver aus den Tiefen des Gotthards, und nur heute kann sie auf einem limitierten Ersttagsumschlag erworben werden.

Willkommen im UriVersum.

Die Kantone Uri und Tessin kommen sich dank dem Gotthard-Basistunnel um einiges näher. Jeder Kanton hat auf dem Festgelände eine Plattform, um sich von Brauchtum bis zu Kulinarischem zu präsentieren. Wir können es nicht lassen und decken uns im UriVersum mit feinem Urner Waldhonig ein.

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Die Erstdurchfahrt mit dem Gotthardshuttle.

Trotz allen Ablenkungen auf dem Festgelände spitzt sich alles auf den Höhepunkt des Tages zu: Die Zugfahrt durch den längsten Eisenbahntunnel der Welt. Alle 20 Minuten verlässt ein Gotthardshuttle den provisorischen Bahnhof beim Festgelände.

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Das Erlebnis ist unbeschreiblich – wow! Mit bis zu 200 Stundenkilometern flitzen wir durch den Tunnel, was kaum einen Passagier kalt lässt. Ein Lokführer wurde kürzlich zitiert, dass es sich wie auf Wolken anfühle, über die neue Strecke zu gleiten. Und tatsächlich ist die Fahrt trotz der hohen Geschwindigkeit extrem ruhig.

Für das blosse Auge ist der Gotthard-Basistunnel ein Tunnel wie jeder andere. Deshalb unterhalten wir uns bald über die extremen Bedingungen und die moderne Ausstattung. Zweieinhalb Kilometer unter dem Berg befinden sich bei Sedrun und Faido zum Beispiel gesamte unterirdische Bahnhöfe, sogenannte Multifunktionsstellen. Nach diesen hell belichteten Perrons halten wir während der Durchfahrt Ausschau. Und was uns ebenfalls erstaunt: Die 4G-Internetverbindung in den Tiefen des Gotthards scheint fast schneller zu sein als der Zug selber …

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Heimwärts über die altbekannte Gotthard-Bergstrecke.

Nach 20 Minuten endet die Durchfahrt am Bahnhof in Pollegio. Auf dem Festgelände im Tessin verbringen wir noch weitere drei Stunden, bevor wir uns wieder auf den Heimweg machen. Egal, von welcher Richtung man durch den neuen Tunnel gefahren ist, die Rückfahrt geschieht über die Gotthard-Bergstrecke. Einerseits hat man das wohl aus logistischen Gründen so entschieden, um den Besucheransturm besser zu bewältigen. Andererseits sind wir ganz froh, etwas zu entschleunigen und nochmals die altbekannte Strecke zurückzulegen.

Und erst dieser Kontrast macht es uns bewusst, wie einschneidend der neue Tunnel für Reisen in den Süden zukünftig sein wird. Die Zeitersparnis wird massiv sein. Im Gegenzug werden Sehenswürdigkeiten wie die Kirche von Wassen ab Dezember links liegen gelassen.

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Ein Volksfest für die Geschichtsbücher.

Die Landesausstellung von 1939, die Seegfrörni von 1962/63 und die Expo.02 waren Meilensteine der jüngeren Schweizer Geschichte. Diese Grossanlässe blieben in Erinnerung und verbinden noch heute Generationen.

Ich wage zu behaupten, dass die Eröffnung vom Gotthard-Basistunnel das kollektive Gedächtnis ebenso prägen wird. Die älteren Jahrgänge werden sich an die historischen Züge aber auch an die gewagte Eröffnungsdarbietung erinnern. Den jüngeren Generationen werden die zahlreichen Attraktionen in Erinnerung bleiben. Und ein allen gemeinsames Highlight wird natürlich die Fahrt durch den längsten Eisenbahntunnel der Welt sein. Das muss man einfach erlebt haben!

 

Wie das Einweihungsfest südlich des Gotthards in Pollegio war, erfährst du hier.

3 Kommentare zu “Ein Wochenende für die Geschichtsbücher.

  1. ich war am Sonntag auch auf allen 4 Festplätzen. Einfach genial und trotz der vielen Leute bestens organisiert dank unzähligen Helfern die jederzeit für Fragen da waren. Besonders begeistert war ich von der Aufführung der Show in Pollegio die ja in allen Medien so viel Kritik einstecken musste. Die volle Tribüne sowie das Gedränge daneben und der Minutenlange Applaus am Schluss sprachen wohl ihre eigene Sprache und waren für die Akteure sicher Musik in ihren Ohren.

  2. Was Heinz schrieb kann ich ausnahmslos bestätigen. Wir sind begeistert vom Gotthard-Massiv heim gekehrt gestern!
    Ein herzliches Danke schön an jeden einzelnen Helfer.

  3. Ein wahrhaft unvergessliches Wochende wo sich Nord und Süd traffen. Voller Freude darf ich sagen, ich war dabei an diesem Fest der Schweiz.
    Auch ich möchte Danke sagen für die perfekte Organisation und all die fleissigen Hände der Helfer, die diese Veranstaltung überhaupt ermöglichten.

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