«Ich kehrte um, weil ich zu selbstsicher wurde.»

Der Berner Extrembergsteiger Ueli Steck hat zahlreiche alpinistische Höchst- und Bestleistungen erbracht. Nun steht er vor einer Neuorientierung, die ihm nicht leicht fällt.

Text: Peter Eggenberger; Fotos: Michael Sieber

 

Ueli Steck, als 18-Jähriger durchstiegen Sie erstmals die Eigernordwand. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Es war ein grosser Moment. Worte können das schwer beschreiben. Wer diese Wand durchklettert hat, ist ein richtiger Bergsteiger. Damals hätte ich mir nie vorstellen können, dass es später möglich sein würde, vom Bergsteigen zu leben.

Was fasziniert Sie am Bergsteigen?
Einerseits die sportliche Herausforderung: Ich wollte immer eine möglichst schwere Route, eine möglichst steile Wand. Anderseits die Einfachheit und die Ehrlichkeit der Natur: Wer nicht hinaufkommt, ist selbst schuld. Die Natur ist zu jedem gleich, am Tag X sind die Bedingungen für alle identisch. Man muss Entscheidungen treffen und mit ihren Konsequenzen leben. Es gibt keine Ausreden.

Haben Sie beim Bergsteigen Angst?
Nein, wenn dem so wäre, würde ich es nicht machen. Angst hat man, wenn etwas unbekannt ist oder einen überfordert. Ich bin sehr selbstkritisch. Wenn ich etwas nicht perfekt vorbereiten kann, lasse ich es bleiben. Dann habe ich ein ungutes Gefühl und Angst. Aber wenn ich am Berg bin, kenne ich keine Angst, weil ich einen Plan habe und genau weiss, was ich tue.

Die Eigernordwand haben Sie im Rekordtempo ohne Seilsicherungen durchstiegen. Dies mutet für Aussenstehende unglaublich riskant an.
Wenn ich dort abgestürzt wäre, wäre ich gestorben. Weil ich dies wusste, konzentrierte ich mich extrem. Ich schaute nicht 1000 Meter in die Tiefe, sondern prüfte den nächsten Griff, den nächsten Tritt. Ich habe über die Jahre eine so grosse Erfahrung erworben, dass ich vollstes Vertrauen in meine Fähigkeiten habe und mich in Gelände bewegen kann, das von aussen als wild oder unmöglich angesehen wird.

Besteht hier nicht die Gefahr, dass es Routine wird und Fehler passieren?
Ja, darauf muss ich ständig achten. Ich bin 41 Mal durch die Eigernordwand geklettert. Die Wand ist aber noch so gefährlich wie bei meinem ersten Mal. Damals hätte ich es als Spinnerei abgetan, diese Wand ohne Seilsicherung zu bezwingen. Ich kehrte an der Eigernordwand schon um, weil ich merkte, dass ich zu selbstsicher wurde.

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2013 stiegen Sie an der Annapurna, einem 8000er, der zu den gefährlichsten der Welt gehört, solo und ohne künstlichen Sauerstoff in nur 28 Stunden die Südwand hoch und zurück. Danach sagten Sie, Sie dürften nie mehr so weit gehen. Warum?
Nie hat mir ein Berg meine Limiten so schonungslos demonstriert. Ich hätte in einer Schneelawine sterben können. Die Bedingungen mit der Kälte, dem Zeitdruck, der Höhenlage und der Schwierigkeit der Route waren so extrem wie nie in meiner Karriere. Wenn ich so weiterfahren würde, würde ich es auf längere Sicht nicht überleben.

Sie müssen sich neu orientieren, wollen nicht mehr mit dem Ziel von Geschwindigkeitsrekorden bergsteigen. Das muss Ihnen schwer fallen.
Ja, das beschäftigt mich sehr. Nach der Solotour an der Annapurna missfiel es mir, dass ich so weit gegangen war. Das löste einen intensiven Denkprozess aus. Ich bin äusserst ehrgeizig. Ich kann jetzt mit 40 meine Grenzen aber nicht mehr ausloten wie früher. Die Leistungsfähigkeit nimmt nicht mehr zu, sondern ab.

Bereitet Ihnen das Sorgen?
Ich muss es akzeptieren. Ich kann im Training nicht mehr das Gleiche machen wie früher. Ich muss neue Herausforderungen suchen, die mich erfüllen. Was das sein wird, ist noch offen. Es braucht Grösse, das anzuerkennen. Es gibt mir handkehrum eine gewisse Ruhe. Ich werde sicher immer bergsteigen. Ich habe die starken französischen Bergsteiger der 80er-Jahre analysiert. Praktisch alle sind um die 40 in den Bergen gestorben. Das ist mir eine Warnung.

Was sagt Ihre Frau zur Neuorientierung?
Wir diskutieren ständig. Wie in jeder funktionierenden Beziehung brauchen wir einen gemeinsamen Nenner. Ich habe keinen normalen Job, das wusste sie schon, als sie mich kennenlernte. Sie hat mir solche Touren wie an der Annapurna nicht verboten. Sie weiss, dass das bei mir nichts nützen würde (lacht). Ich bin selber zur Erkenntnis gekommen, dass ich so etwas nie mehr machen darf.

Sie klettern ab und zu mit Ihrer Frau. Ist das für Sie anders?
Gemeinsame Bergtouren sind grundlegend für unsere Partnerschaft. Ich fokussiere dann nicht auf meine Leistungsfähigkeit, sondern passe mich meiner Frau an und nehme mich zurück. Dieser Wechsel ist nicht einfach. Wir gehen auch in unseren Ferien klettern, dieses Jahr auf einen 6000er in Indien. Das ist für mich nicht Business, sondern reine Erholung. Diese gemeinsamen Erlebnisse geben uns viel.

Wie halten Sie sich fit?
Ich trainiere 1000 bis 1200 Stunden im Jahr verschiedene Aspekte der Kondition. Auch die Ernährung spielt eine Rolle, Kohlenhydrate und Eiweiss. Das Gewicht ist beim Bergsteigen wichtig. Mit etwas mehr Gewicht bin ich nicht mehr so schnell, habe aber im Himalaya mehr Reserven. Ich kasteie mich nicht. Ich trinke auch einmal Wein mit meiner Frau.

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Nachgestellt fürs Fotoshooting, denn eine gemütliche Wanderung ist nichts für den Extrembergsteiger Ueli Steck.

Können Sie überhaupt gemütlich wandern?
Das entspricht mir gar nicht. Wenn wir zu zweit unterwegs sind, gibt es Varianten, um es für mich intensiver zu gestalten: Ich kann zum Beispiel Zusatzwege einbauen oder eine Strecke nochmals zurücklegen, wenn meine Frau eine Pause macht.

Wo und wie können Sie entspannen?
Natürlich in erster Linie mit Bewegung in den Bergen. Dort fühle ich mich am wohlsten. Ich kann aber auch einmal mit einem Buch auf dem Sofa liegen. Mein Zuhause ist für mich sehr bedeutsam. Das ist ein Ort des Rückzugs, den ich schütze. Ich lasse deshalb keine Homestorys zu.

Was bedeutet für Sie Heimat?
Auf jeden Fall das Berner Oberland. Es ist ein Paradies. Ich bin so oft weg, aber wenn ich heimkomme, stelle ich jedesmal fest, dass es hier am schönsten ist. Hier haben wir alles. Ohne Berge könnte ich mir Heimat nicht vorstellen. Ich könnte nie am Meer leben. Deshalb ist das Berner Oberland meine Lieblingsdestination in der Schweiz.

Reisen Sie auch mit der Bahn?
Immer wenn ich wegfliege, nehme ich den Zug zum Flughafen. Man kann das Gepäck aufgeben und am Flughafen abholen. Ich schätze das, es ist angenehm. Zudem benütze ich häufig die Jungfraubahn. Auf meinen Hausberg, den Harder bei Interlaken, renne ich aber stets. In die Bahn steige ich höchstens einmal für eine Talfahrt, wenn ich schon ausgepowert bin. Aus logistischen Gründen bin ich sonst viel mit dem Auto unterwegs. Immerhin bewegte ich mich bei meinem Projekt im vergangenen Sommer, alle 4000er der Alpen hintereinander zu besteigen, nur zu Fuss, mit dem Velo und dem Gleitschirm fort.

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Zur Person: Der 40-jährige Ueli Steck wuchs in Langnau im Emmental auf und begann mit zwölf Jahren zu klettern. Der gelernte Zimmermann konnte sein Hobby Bergsteigen zum Beruf machen. Zu seinen besonderen alpinistischen Leistungen gehören die Erstbegehungen der Nordwände des Mönchs in der Direttissima und des 8034 Meter über Meer gelegenen Gasherbrum II in Zentralasien.

Zweimal erhielt Steck den Piolet d’Or, die höchste alpinistische Auszeichnung. Die erste wurde ihm für die im Jahr 2008 durchgeführte Erstbegehung der Nordwand des 6500 Meter über Meer gelegenen Tengkampoche in Nepal verliehen. Das zweite Mal wurde Steck ausgezeichnet für seine Solobegehung der Südwand der 8091 Meter über Meer gelegenen Annapurna im Himalaya im Jahr 2013. 2015 bestieg er innert 62 Tagen alle 82 Berge der Alpen mit einer Höhe von mehr als 4000 Metern über Meer. Steck ist seit 2009 verheiratet und lebt mit seiner Frau in Ringgenberg bei Interlaken.

 

via_oktoberDieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2016 der Zeitschrift via. Das Magazin des öffentlichen Verkehrs ist an (fast) jedem Bahnhof kostenlos erhältlich.
 

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