Kalenderbilder.

Ich habe mir fürs neue Jahr einen Kalender bestellt. Jeden Monat sehe ich ein prächtiges Eisenbahnbild. Der Zug ist sauber gewaschen, die Landschaft strahlt in weiss, grün oder in bunten Farben. Alles ist perfekt. Schon klar, die Realität ist in den allermeisten Fällen weniger aufgehübscht. Doch Kalenderbilder wollen etwas anderes. Sie wollen zeigen, wie es sein könnte. Die Crème de la Crème der Erinnerungen wird zu Hoffnung und Wunsch für das kommende Jahr.

Aus naheliegenden Gründen kann ich während meiner Arbeit keine Fotos schiessen von solchen Kaisertagen. Doch ich kann sie in der Erinnerung behalten. Weshalb nicht einmal im Gedächtnis rumwühlen und die gespeicherten Kalenderbilder fürs Jahr 2016 zusammensuchen?

Hier ist mein ganz persönlicher Erinnerungskalender:

 

Januar:
Ich bin mit einem Fanzug von St. Gallen nach Zürich unterwegs. Die Fans haben sich ausgetobt, sind müde und lassen mich ungestört fahren. Mit 40 km/h – vor mir fährt ein Thurbo – tuckere ich durch eine glitzernde Landschaft. Der Mond grüsst durchs Seitenfenster in die Kabine.

Februar:
Ich bin in meinem Sprachaufenthalt in Lausanne. Die Frühtour beginnt in Palézieux. Mein Taxi fährt hinter einem Schneepflug. Den Bahnhof von Paléziex erkenne ich kaum wieder. Ich bin der erste, der seine Spuren in den Schnee stapft. Der Domino-Zug ist anegehm warm, als ich in den Führerstand steige.

März:
Die Natur erwacht langsam. Ich fahre über den Lorraineviadukt kurz vor Bern. Die Sonne strahlt vom tiefblauen Himmel, links zeigen sich die Berner Alpen mit verzuckerten Kappen. Davor das Münster. Zwischen den kahlen Ästen leuchten gelb die Forsythien.

April:
Eine Fahrt durch die Ostschweiz hat im Fühling einen besonderen Reiz. Zwischen Wil und Gossau blühen hunderte Apfelbäume. Die Wiesen sind übersät mit Löwenzahn und lila Wiesenschaumkraut. Dahinter reckt sich majestätisch der blendend weisse Säntis in den Himmel.

Mai:
Saftig Grün ist die Welt geworden. Auf den Ziegeleiweihern bei Bonstetten-Wettswil spiegelt sich das junge Laub der Birken. Haubentaucher balzen, ein Kormoran trocknet seine Flügel. Ein Rapsfeld wird zum gelben Blütenmeer.

Juni:
Der Sonnenstand ist ideal für eine Filmfahrt über den Gotthard und wieder zurück. Die Reuss sprudelt über die rundgeschliffenen Felsen. Sympathische weisse Wattebäuschchen verzieren den Himmel. Auf der Südseite flimmern die Gleise und die Palmen an den Hängen wecken Feriengefühle.

Juli:
Soeben noch war ich in einem kräftigen Regenschauer unterwegs. Sturzbäche ergossen sich über die Scheiben. Doch nun ist der Himmel aufgerissen und ein doppelter Regenbogen leuchtet vor dunklen Wolken. Ich fahre mit 125 km/h durch Schwerzenbach und schnustracks auf den rechten Fuss des Regenbogens zu. Ob diese Geschwindigkeit reicht, um ihn zu erreichen und den Schatz zu bergen?

August:
Die Badi bei Nottwil am Sempachersee ist voll belegt. Alle zieht’s ans Wasser. Ich bin auch bald zu Hause und freue mich auf einen Schwumm im Türlersee.

September:
Von Lausanne fahre ich heimwärts durch das Lavaux. Es ist der 28. September 2015. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages sind vor Kurzem erloschen und der Abendhimmel zeigt sich in Pastelltönen. Bei Bossiere wird der Blick freigegeben auf den Genfersee und die Alpen. Der volle Mond erhebt sich golden zwischen den Bergen Tour de Mayen und Tour d‘ Aï. Er ist riesig! Schade, dass ich der einzige auf diesem Zug bin, der das sehen kann!

Oktober:
Die Rebberge am Bielersee sind ein wahres Farbenfest und zeigen sich in allen Nuancen von gelb nach rot bis violett. Die Sonne hat ihre Härte verloren. Sanft und warm strahlt sie vom Himmel. Mein ICN gondelt dem Ufer entlang. Was farbig ist, wirkt jetzt noch farbiger. So auch die beiden entgegenkommenden ICN, die einfach perfekt in die Landschaft passen.

November:
Die Nächte sind lang, die Tage kurz. Ich bin öfter in der Dunkelheit unterwegs als bei Tageslicht. Zum Glück! Ich fahre auf der Neubaustrecke von Bern nach Olten. Das Licht in der Führerkabine ist gedimmt. Am Himmel sehe ich die Sterne und erkenne den grossen Wagen. Plötzlich fliegt ein hell leuchtender Punkt quer über das Firmament. Er zieht einen Schweif hinter sich her, der langsam erlischt. Ich habe eine Feuerkugel der Leoniden beobachtet!

Dezember:
Fertig Sonne. Nebel quält uns Mittelländer seit Tagen. Es fehlt nicht viel, manchmal ist eine Sonnenscheibe sichtbar. Doch so richtig befriedigend ist das nicht. Kurz nach Freiburg lassen wir den Nebel hinter uns. Der Abendhimmel lodert rot. Davor die schwarzen Silhouetten von Bergen und kahlen Bäumen. In den Senken halten sich kleine Nebelfelder. Das Schloss von Romont erscheint am Horizont und wird immer grösser.

 

Wie sieht Dein Erinnerungskalender aus?

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3 Kommentare zu “Kalenderbilder.

  1. Coole Idee. Ich mache von alle meine wichtigen Momenten immer Fotos und im besonderen von den verschiedenen Züge. Ein Gedächtnis-Kalender ist echt cool. Gut, Markus du hast ja das Glück als Lokführer zu arbeiten und so siehst du mehr Züge.
    Danke für Idee

  2. Das ist die Belohnung für den Früh- und Spätdienst! 90 Sekunden solcher Naturspektakel und es ist egal ob man um 2.30 Uhr aufstehen musste oder um 01.35 Feierabend hat.

    Mich würde noch interessieren wo das Bild zum Blog entstanden ist. Kann es sein, dass das Rügen ist?

  3. Der Mond über dem Genfersee und überhaupt die Sicht auf den Genfersee, wenn sich der Zug runter nach Lausanne schlängelt, finde ich immer wieder schön.
    Oder die Störche, die man im Wauwilermoos im Winter aus dem Zug heraus entdecken kann.

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