MINT-Frauen im Projekt «Gottardo 2016».

«Eigentlich gibt es keinen typischen Arbeitsalltag.» Joanna Raszyk ist passionierte IT-Frau bei der SBB. Ihr Wissen setzt Sie für den Gotthard-Basistunnel ein. Was sie genau macht und wie sie das männerdominierte Arbeitsumfeld erlebt, verrät sie uns im ersten von zwei Interviews mit Frauen, die einen MINT-Beruf (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gewählt haben.

Wie lautet Ihre genaue Berufsbezeichnung?

Ich arbeite in der Rolle als Technische Applikationsmanagerin (Application Operation Manager AOM) und bin zuständig für das Technische Applikationsmanagement.

Wann und warum haben Sie sich dazu entschieden, diesen für Frauen unkonventionellen Berufsweg zu wählen?

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Joanna bespricht mit ihrem Arbeitskollegen das SBB Überwachungssystem.

Im Jahr 2001 entschied ich mich für einen Wechsel in die Telekommunikation, obwohl ich damals mitten im fünften Jahr meines Astronomie-Studiums steckte. Dieses schloss ich ein Jahr später trotzdem ab. Ich fing also ein neues Vollzeitstudium an, was im Alter von 23 Jahren eine schwierige Entscheidung war. Dank der Unterstützung meiner Familie, eines Hochschulstipendiums und der Gelegenheitsarbeit als Privatlehrerin konnte ich mir dieses Studium schliesslich leisten. Der Wechsel in Richtung Telekommunikation/IT erachte ich rückblickend als eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Was waren Ihre Aufgaben rund um den Gotthard-Basistunnel? Wie können wir uns Ihre Rolle konkret vorstellen?

Meine Aufgaben betreffen ausschliesslich die Steuerungs- und Überwachungssysteme der Tunnelleittechnik (TLT) im Gotthard-Basistunnel. Primär beschäftige ich mich mit dem untergeordneten Expertensystem (EXPS), ein Rechnersystem das von der AlpTransit Gotthard AG für die Steuerung und Überwachung der verschiedenen, elektromechanischen Anlagen (sogenannte Gewerke) im Gotthard-Basistunnel aufgebaut wurde, z.B. Tunnelleittechnik (TLT), Bahnkommunikationsanlage (BKA), Datennetz (DN), Tunnelfunk (TFK), Videosysteme (VS) u.a. Mein Team ist zurzeit an der Integration und Inbetriebnahme dieses Systems, welches wir ab 1. Juni 2016 bei SBB in Betrieb nehmen werden.

Parallel dazu arbeite ich im Projekt «Rechnerüberwachung GBT» mit, bei dem ich für die Spezifikation der Lösung und die eigentliche Umsetzung zuständig bin. Ziel ist es, eine zusätzliche Überwachung für die gesamten Rechner des Gotthard-Basistunnels aufzubauen. Bei sämtlichen Aufgaben fällt viel Engineeringarbeit an. Je nachdem, wie die Lösung aussieht, müssen wir beispielsweise neue Server bestellen, diese in einen Serverraum bringen und montieren, dann ein Betriebssystem und eine Virtualisierungssoftware mit mehreren virtuellen Maschinen installieren. Anschliessend müssen wir die IBM Software, die bei der SBB für die Überwachung von Netzwerk- und Infrastrukturelementen eingesetzt wird, installieren, konfigurieren und integrieren.

Joanna_GBT2Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag aus?

Eigentlich gibt es keinen «typischen» Arbeitsalltag. Die meisten Tage verbringe ich am Laptop mit dem Dokumentieren, Installieren, Konfigurieren und Testen der Software. Es gibt aber Tage, an denen ich zu mehr Bewegung komme, z.B. um im Serverraum Reparaturen am Server vorzunehmen oder einen neuen Server zu montieren. Manchmal fahre ich auch an andere Standorte wie Erstfeld oder Pollegio, um beispielsweise Tests vor Ort durch.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am besten?

Meine Aufgaben und Tätigkeiten sind sehr unterschiedlich: Das Spektrum reicht von manuellen Arbeiten mit der Hardware vor Ort, übers Einrichten von Softwarearchitektur bis zur Erarbeitung von Lösungskonzepten. Diese Vielfalt ist es, die ich an meiner Arbeit am meisten schätze.

Können Sie uns einen grossen Moment nennen, den Sie in Bezug auf den Gotthard-Basistunnel erlebt haben?

Der erste Ausflug ins Tunnelrohr war besonders spannend. Die Bauarbeiten aus der Nähe anschauen zu können und die ganze Geschichte des riesigen, historischen Projekts vor Ort zu hören, war sicher ein kleines Abenteuer. Es war für mich sehr motivierend, den Tunnel einmal konkret vor mir zu sehen.

Ist es für eine Frau schwieriger in einem eher männerdominierten Berufsfeld zu arbeiten? Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich  gemacht?

Bis jetzt habe ich wirklich nur gute Erfahrung gemacht. Auch wenn ich manchmal die einzige Frau in einer Sitzung bin, spüre ich keine grossen Unterschiede. Ich werde von meinen Kollegen der AlpTransit Gotthard AG und der SBB immer als gute Ingenieurin geschätzt und als Fachspezialistin für die Überwachungssysteme bei der SBB anerkannt.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit?

Am liebsten verbringe ich meine freie Zeit in den Bergen mit Skitouren, Skifahren, Hochtouren, Wandern oder Klettern. Gerne reise ich auch in der Welt umher und lerne andere Kulturen kennen. Seit kurzem stelle ich zudem meine eigene Naturkosmetik zu Hause her.

 

Die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels ist ein weltweit beachtetes Ereignis. Am 1. Juni 2016, 17 Jahre nach der ersten Sprengung im Hauptstollen, wird der längste Eisenbahn-Tunnel der Welt offiziell eröffnet. Die Schweiz hat Grund zu feiern und lädt in- und ausländische Ehrengäste zu einem Eröffnungsanlass und die ganze Bevölkerung zu einem unvergesslichen Volksfest ein.

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