Eine halbnackte Dame und ein Vorurteil in Konstanz.

Eigentlich schade: ich besitze ein GA und nutze es fast nie, um neue Orte zu entdecken. Das soll sich nun ändern, doch wohin reisen? «Schauen wir uns doch Konstanz an», schlägt Kollege Daniel vor. Mir kommt dazu nur das Schlagwort Einkaufstourismus in den Sinn. Da der Vorschlag aber mehrmals aufkommt, muss wohl doch etwas Besonderes an der Stadt sein. Ich will herausfinden, was das ist.

So beginnen wir mit der Planung des Ausflugs. Dank dem Mitfahrbillett reist Daniel den ganzen Tag günstig mit und wir beschliessen, neben Konstanz auch Stein am Rhein zu besuchen.

Ausflug mit dem Mitfahrbillett.

So seid ihr gemeinsam günstiger unterwegs: Vom 27. Februar bis 21. Mai ist das Mitfahrbillett erhältlich. Wenn du zum Beispiel ein GA oder eine Tageskarte hast, kannst du eine Begleitperson für nur 38 Franken auf einen Ausflug mit dem Zug mitnehmen. Auf sbb.ch/mitfahren findest du viele weitere Freizeitideen.

 

In Konstanz angekommen, geht es auf direktem Weg zum Hafen. Hier fällt der Blick unweigerlich auf die Imperia. Kein Wunder, denn die Dame trägt nur einen notdürftig geschlossenen Mantel und ist mit einer Höhe von neun Metern kaum zu übersehen. Obwohl die sich drehende Statue zu Beginn sehr umstritten gewesen ist, gehört sie inzwischen zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten von Konstanz.

Der Hafen lädt mit vielen Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein und die Möwenschreie und Wellengeräusche erinnern mich ans Meer. Im Frühling muss die Hafenumgebung wohl noch viel schöner sein und eignet sich bestimmt gut für Pausen vom Stadtbummel.

Auf Schatzsuche in Niederburg.

Die Umgebung ändert sich deutlich, als wir die gepflasterten Strassen von Niederburg betreten. Im ältesten Stadtteil von Konstanz stehen die farbigen Häuser dicht und teilweise etwas schräg zusammen. Die Vorbereitungen für die Fasnacht sind in vollem Gange und so flattern unzählige Fähnchen aus Stoff im Wind. An solchen Orten gibt es nur eins zu tun: Gässchen um Gässchen entdecken und sich überraschen lassen, auf welche unbekannten Schätze man dabei stösst.

Kaffeekunst im Häuschen «N° elf».

In der Kaffee- und Weinbar «N° elf» machen wir spontan eine Kaffeepause. Daniel möchte etwas mit genug Koffein, worauf der Barista einen «Flat White» empfiehlt. Entgegen meinem Vorurteil ist das kein von Hipstern erfundener Name für normalen Kaffee, sondern eine Spezialität, die dem Cappuccino ähnelt. Es schmeckt auf jeden Fall wunderbar und wärmt uns nach dem windigen Morgen angenehm auf. Die Süssigkeiten auf der Theke sehen ausserdem so verführerisch aus, dass wir gleich noch zwei Brownies nachbestellen.

 Mehr als nur Shopping.

Gestärkt geht’s durch die Altstadt zurück zum Bahnhof. Die Strassen werden breiter und die Namen der Geschäfte wieder bekannter. Wer gerne shoppt, kommt hier auf seine Kosten. Doch es gibt noch mehr:

  • Der Münsterturm bietet nach einem Aufstieg über 245 Stufen eine beeindruckende Aussicht über ganz Konstanz und den Bodensee
    (Preis für Erwachsene: 2 Euro, offen ab April).
  • Für Dessertfans empfiehlt sich das Voglhaus. Im Café in der Altstadt gibt es feine Kuchen und Spezialitäten von lokalen Produzenten.
  • Von Konstanz fahren ab April Schiffe bis nach Schaffhausen. Da viele kleine Häfen wie beispielweise Stein am Rhein oder Steckborn angefahren werden, kann man auf gemütliche Weise die Gegend um den Untersee entdecken.

Altstadtbummel durch Stein am Rhein.

Die zweite Reiseetappe führt uns dann auch entlang des Untersees bis Stein am Rhein, allerdings mit dem Zug. Immer wieder lichten sich die Bäume und wir erhaschen schöne Ausblicke auf den See.

«Der bekannte Teil von Stein am Rhein liegt auf der anderen Seite des Flusses» erklärt mir Daniel beim Bahnhof. Tatsächlich sehe ich schon nach kurzer Zeit das hübsche Städtchen. Wie es sich für eine mittelalterliche Stadt gehört, thront oberhalb von Stein am Rhein eine Burg.

Wer die Burg Hohenklingen besichtigen will, kann dies mit einer Wanderung verbinden. Die Belohnung: eine einmalige Aussicht und je nach Hunger ein leckeres Essen im Burgrestaurant.

Nachdem wir den Rhein überquert haben, prägen prächtige Häuser die Umgebung. Einige der Fassaden wirken fast überladen mit ihren satten Farben und den aufwändigen Wandmalereien. Keines der alten Häuser sieht aus wie das andere und überall entdecke ich charmante Details wie Erker und spezielle Windfiguren. Ich stelle mir vor, wie das Leben hier früher gewesen ist.

Übrigens: wer wissen will, wie die bürgerlichen Wohnungen im 19. Jahrhundert ausgesehen haben, besucht am besten das Museum Lindwurm.

Die Gegenwart zeigt auch eine andere Seite: Einladende Geschäfte und Restaurants, so weit das Auge reicht. Mir sind drei kleine, aber feine Lokale aufgefallen:

  • Das Kafi und me, wobei sich das «Kafi» auf Kaffee, frischen Tee und hausgemachte Kuchen bezieht. Das «me» steht für restaurierte oder selbstkreierte Möbelstücke und Kleinigkeiten, die man dort kaufen kann. Eine geradezu unwiderstehliche Mischung für mich, aber leider erst ab dem 29. März 2017 wieder offen.
  • La p’tite crêperie, die ich zu gerne ausprobieren würde, wäre der Bauch nicht noch mit Brownie gefüllt.
  • Das Geschäft Ihr Fabrikat, wo sich kleine Geschenke und individuell bedruckte Stofftaschen und -säcke kaufen lassen.

Das «Rheintörlein».

Zum Schluss schauen wir uns das Kloster St. Georgen an. Allerdings nur von aussen, denn das Klostermuseum öffnet erst im April. Die Anlage ist gross, sie reicht von der heutigen Dorfkirche bis ans Ufer des Rheins. Doch mehr als das Kloster selbst fasziniert mich ein kleines Holztor in der Aussenmauer. «Rheintörlein» steht in verblassten Buchstaben darüber. Dahinter befindet sich eine Art Terrasse mit einer Sitzbank und einer Weide, die sich geradezu klischeehaft über den Rhein beugt. Wir haben noch etwas Zeit, bevor unser Zug fährt und so geniessen wir an diesem schönen Plätzchen die Sonnenstrahlen, auf die wir schon den ganzen Tag gewartet haben.

 

Fazit: Wer nur nach Konstanz reist, um zu shoppen, verpasst die schönsten Orte dieser Stadt. Eine kurze Pause am Hafen oder ein Spaziergang durch Niederburg dauern nicht lange und lohnen sich auf jeden Fall. Wer den Ausflug bis Stein am Rhein ausdehnen will, plant die Reise am besten ab Ende März. Dann sind all die kleinen, aber feinen Geschäfte wieder offen.

 

Fotos: Daniel Schwarz

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