Schotterherz.

Erich Würsch hat eine Schwäche für Steine. Und ein aussergewöhnlich grosses Fachwissen rund um Unterbau und Geotechnik. Damit sorgt er für gesunde Schotterbette im ganzen Land. Ein Blick unter die Schwellen im Laufental.

Dieser Beitrag erschien im Sommer 2015 im «unterwegs», das Mitarbeitendenmagazin der SBB.
Fotos: Stefan Schmidlin

Hochsommerlich die Temperatur, Reiselust bei Wanderern und Ausflüglern. Erich Würsch wischt sich den Schweiss von der Stirn und greift in den Schotter, nimmt einen der Steine in die Hand und hebt ihn hoch. Er ist warm. Der kleine Bahnhof in Grellingen, ein 1800-Seelen-Dorf in der Nähe von Basel, liegt unter drückender Hitze, die Perrons sind dennoch gut besetzt. Von hier aus gelangt man halbstündlich nach Basel und Olten und dazu stündlich nach Delémont und Porrentruy.

Erich Würsch und seine sechs Kollegen interessieren sich nur für den Schotter. Sie untersuchen während dreier Tage an 28 Stellen das Gleis im Laufental. An diesem Nachmittag stehen Arbeiten rund um den Bahnhof Grellingen an. In Abständen von rund 150 Metern prüfen die Männer den Zustand des Schotters unter den Gleisen. Sie schaufeln, rechen und pickeln mit ganzem Körpereinsatz, um das Schwellenfach freizulegen. Erich Würsch leitet die Gruppe an. Ihm entgeht kein Schaufelstreich und kein Pickelschlag. Die Arbeit ist körperlich anstrengend, Hitze und Helm tun ihr Übriges; den Männern läuft der Schweiss über die Stirn.

schotterpruefung

Schweizer Schotterexperte.
Erich Würsch hat seine Karriere bei der SBB vor 23 Jahren als Messgehilfe gestartet. Der ausgebildete Maschinenmechaniker hat sich in den vielen Jahren an der Front ein reichhaltiges Schotterwissen angeeignet. Die Kontrolle des Schotters ist wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit als Geotechniker. Zudem überprüft er stichprobenweise den Neuschotter, der auf die Baustellen kommt. Würsch ist kein «Studierter», wie er von sich selber sagt, aber vielleicht gerade darum sehr glücklich in seinem Beruf. Er kann sich nicht vorstellen, täglich von 8 bis 17 Uhr im Büro zu sitzen. «Mir gefällt es, draussen arbeiten zu können», schwärmt Würsch, «überall in der Schweiz.» Das bedeute aber auch unregelmässig anfallende Arbeitsschichten und soziale Kontakte, die nicht immer einfach zu pflegen seien.

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Wenn er spricht, spürt man die Leidenschaft. Am liebsten erklärt er Laien seine Tätigkeit detailgetreu, zeigt auf, anhand welcher Kriterien er erkennen kann, ob das Korn, also ein einzelner Stein im Schotter, verschmutzt ist. Wo ein solcher im Auge des Ungeübten «einfach ein Stein ist», deckt Würsch auf, wo das Korn stark abgenutzt und wo es mit Feinmaterial aus dem Untergrund verschmutzt ist. Oder er erklärt die genauen Anforderungen an die Körner für den Gleisschotter. Ausführlich erzählt er von Korngrössenverteilung, der Festigkeit des Schotters sowie vom Einfluss von Wasser und Kälte auf die Standfestigkeit des Schotterbetts.

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Sein grosses Wissen beeindruckt. Nicht ohne Stolz sagt er von sich selber, dass er schweizweit einer von wenigen sei, der rund um das Thema Schotter (fast) alles wisse.

Mit Handarbeit zur Diagnose.
600 Schwellenfächer pro Jahr öffnet Würsch, verteilt in der ganzen Schweiz und dort, wo es gemäss Planung erforderlich ist. Würsch entnimmt eine erste Schotterprobe, die im geotechnischen Labor der SBB auf die Festigkeit überprüft wird. Er untersucht diese danach mit blossen Händen. «Ich muss die Beschaffenheit zwischen meinen Fingern spüren, um erste Erkenntnisse gewinnen zu können», erklärt er. Handschuhe wären dabei nur hinderlich.

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Nach vorgegebenen Kriterien prüft er anschliessend den Zustand des Schotterbetts und den Grad der Verschmutzung unter den Schwellen. Würsch kontrolliert die Körner auf ihre Beschaffenheit und ihren Zustand und misst die Dicke des Schotters. Immer dabei ist seine kleine Digitalkamera, mit der Würsch jede offene Schwelle dokumentiert. Aufgrund der Beurteilung des Schotters entscheidet er, ob die begutachtete Stelle saniert werden muss oder ob der Schotter gereinigt werden kann.

Zusammen mit dem Kriterienblatt, auf das er die Ergebnisse notiert, ergibt dies die Dokumentation und Grundlage für künftige Erneuerungen der Fahrbahn. Damit die wichtigen Messdaten auch nicht verloren gehen, kopiert er noch gleichentags alle Dokumente und legt sie feinsäuberlich ab.

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Es ist ein eingespieltes Team, das an diesem Nachmittag in Grellingen Erich Würsch unterstützt. Obwohl sich die meisten eben erst kennengelernt haben, sitzt jeder Handgriff, jeder versteht den andern, trotz fünf verschiedenen Nationalitäten. Man weiss sich zu helfen: mit Wortfetzen in Deutsch, Portugiesisch, Albanisch oder Mazedonisch und wenn nötig mit Gesten und Händen. Würsch mag dieses multikulturelle Umfeld und den Austausch mit Menschen aus anderen Ländern. Die Zusammenarbeit funktioniere fast immer sehr gut. Wichtig sei, dass man die Mitarbeitenden wertschätze und Einfühlungsvermögen zeige.

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Würsch jedenfalls zollt den Gleisbauern grösste Anerkennung für ihre Arbeit. «Die Arbeit, die diese Männer machen, ist ein Knochenjob. Sie sind immer da – zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei jedem Wetter und oftmals auch jeden Tag an einem anderen Ort.» Nicht viele Schweizer würden einen solchen Job machen, ist er überzeugt und ergänzt lachend, dass er als Schweizer meistens «der Ausländer» sei.

Geschichten aus anderen Kulturen interessieren ihn sehr, und während des Grabens an der Schwelle wird auch mal über Schlangen im afrikanischen Busch, über die Salat, das Gebet im Islam und über Gott und die Welt sinniert.

Schwelle um Schwelle akribisch kontrolliert.
Die vierte Schwelle an diesem Nachmittag ist an der Reihe. Würsch platziert den Rechen und macht weiter mit dem, was ihn noch immer antreibt: die Neugier darüber, was er unter der nächsten Schwelle vorfindet. Unter den geöffneten Schwellen an diesem Nachmittag hat Würsch verschiedenste Zustände vorgefunden: verlehmte, verschmutze und zerbrochene Körner, die mal eine Reinigung, einen Ersatz des Schotters oder gar eine Unterbausanierung erfordern. Erich Würsch untersucht den Schotter weiter und immer weiter, noch wartet eine Schwelle bis zum Feierabend.

Warum Schotter wichtig ist
Schotter unter den Gleisen wird benötigt, um die Belastung zu verteilen, und gewährleistet eine elastische Lagerung des Gleises. Nicht alle Steine sind dazu geeignet, grosse Belastungen auszuhalten. In der Regel werden Kieselkalke und Kalksandsteine eingesetzt. Wichtig sind Kornform, Festigkeit und Frostbeständigkeit der Steine. Pro Meter Gleis werden rund zwei Tonnen Schotter benötigt. Die Schotterschicht unter der Schwelle ist mindestens 30 Zentimeter dick. Die Qualität des Schotters ist massgeblich für die Sicherheit des Bahnverkehrs. Ist die Qualität schlecht, erzeugt dies Mehraufwand beim Gleisunterhalt.

 

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