TGV, Weichkäse, Schweizerfähnchen und eine Oscar-Nomination.

Bei einem Sprachaufenthalt im Welschland lernte ich neue Kollegen kennen. Darunter war auch ein TGV-Lokführer. Mit ihm ging ich gelegentlich wandern. Er fragte mich, ob ich seine letzte Fahrt durch das Val de Travers filmisch begleiten wolle. Ich tat dies und schrieb einen Beitrag im SBB-Blog. In unserer Pause in Frasne führte er mich in eine Käserei und schwärmte vom französischen Weichkäse. Wir kauften ein wenig Käse und fuhren zurück in die Schweiz.

Etwas später las ich eine Kurzmeldung in einer Zeitung. Im Berner Seeland wohnt Sonja Schmid direkt an der Bahnlinie. Zwei Mal täglich winkt sie den vorbeifahrenden TGVs zu. Und das seit vielen Jahren. Das Winken sei den Lokführern nicht entgangen und so seien Kontakte entstanden, stand da geschrieben. Einer der Lokführer warf gelegentlich Geschenke aus dem Fenster, z.B. Weichkäse aus Frankreich. Nun wurde aber die Streckenführung des TGVs geändert, was dieses zur Tradition gewordene Ritual von einem Tag auf den anderen beendete. Ich musste schmunzeln und dachte mir nichts Weiteres dabei. Vorerst. Doch dann entstand da ganz langsam eine Verknüpfung in meinem Gehirn. TGV. Lokführer. Weichkäse. Weichkäse aus Frankreich!

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Jane Birkin winkt in «La femme et le TGV» täglich dem TGV. Ganz wie dies Sonja Schmid im richtigen Leben getan hat. Foto © www.tgv-movie.com

Nicht nur ich habe die Kurzmeldung gelesen. Auch Timo von Gunten, einem äusserst begabten jungen Regisseur, war sie ins Auge gestochen. Er fand die Geschichte berührend und ersann ein Drehbuch. Der TGV kommt darin vor, der französische Weichkäse und ein Schweizerfähnchen. Mit diesem winkt der von Jane Birkin gespielte Charakter im Kurzfilm «La femme et le TGV» täglich dem TGV. Ganz wie dies Sonja Schmid im richtigen Leben getan hat.

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Dreharbeiten entlang der TGV-Strecke. Foto © www.tgv-movie.com
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Regisseur Timo von Gunten (rechts). Foto © www.tgv-movie.com

Ich war noch nie am Filmfestival in Locarno, was ich jetzt rückblickend ein wenig bereue. Nun sitze ich aber zum ersten Mal in «La Sala» und warte auf die Premiere von «La femme et le TGV». Alle 900 Plätze sind besetzt. Rechts von mir ist mein TGV-Kollege mit seiner Frau. Hinter ihm ein anderer Lokführer aus der TGV-Gruppe mit seiner Frau und neben ihm sitzt Sonja Schmid mit ihrem Mann. Es wird dunkel. Auf der Leinwand rauscht der TGV vorbei. Die rührende Geschichte nimmt ihren Lauf. Jane Birkin spielt hervorragend, die Bilder sind wunderschön und versprühen viel Swissness, obwohl einiges in Frankreich gedreht wurde. Mein Kollege und auch Sonja Schmid haben einen kurzen Cameo-Auftritt. Das heisst sie durften eine kleine Rolle im Film spielen. Beim vermeintlichen Schluss habe ich Tränen in den Augen. War’s das jetzt? Lässt Timo von Gunten jetzt wirklich die arme alte Frau so alleine zurück? «3 Monate später» steht nun auf der Leinwand und es folgt ein fulminantes Happy End. Sogar der Kanarienvogel darf aus seinem Käfig! Ein langer und tosender Applaus füllt den Raum.

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Foto © www.tgv-movie.com

Nach drei weiteren Filmen werden die Türen nach draussen geöffnet. Die Szene vor dem Kino könnte selbst aus einem Film stammen. Und zwar aus einem dieser übertriebenen Amischinken. Prominente aus der Filmszene stehen herum und smalltalken, ein ehemaliger Bundesrat – er fiel schon in seiner Amtszeit durch seine Nähe zur Kultur auf – ist auch zugegen. Eine aufgetakelte Filmproduzentin aus Los Angeles ist extra angereist, um der Premiere beizuwohnen. Sie ist begeistert. Mein TGV-Kollege und ich plaudern ein bisschen mit ihr und bewundern die talentierte Filmcrew. Da mein Kollege kein Englisch spricht, werde ich zum Dolmetscher. «Was there really a romance?» Ob es in der Realität auch eine Liebesgeschichte gegeben habe, möchte die Amerikanerin wissen. Ich übersetze. Nein, es blieb bei einer Freundschaft. «Friendship». Sie nickt ein wenig enttäuscht.

Die TGV-Clique und ich sitzen später bei einem Kaffee zusammen und es werden weitere Anekdoten ausgetauscht. «Was war eigentlich das allererste Geschenk, welches Du aus dem Fenster geworfen hast?», möchte ich von meinem Kollegen wissen. Es war ein Schweizerfähnchen…

La Femme et le TGV läuft derzeit in folgenden Kinos:

Basel: kult.kino CameraMittagskino am
Do, 26.1.
Fr, 27.1.
Sa, 28.1.
Mo, 30.1.
Di, 31.1.
Mi, 1.2.

Bern, Cinematte

So, 29.1. 16:00 Uhr – Premiere mit Crew / Cast vor Ort
Do, 2.2. 20:30 Uhr
Sa, 4.2. 18:30 Uhr
Mo, 6.2. 20:30 Uhr
Sa, 11.2. 18:30 Uhr
So, 12.2. 18:30 Uhr
Mo, 13.2. 20:30 Uhr

Zürich, Stüssihof

Do, 2.2. 18:00 Uhr / 20:00 Uhr
Fr, 3.2. 18:00 Uhr / 20:00 Uhr
Sa, 4.2. 18:00 Uhr / 20:00 Uhr
So, 5.2. 18:00 Uhr / 20:00 Uhr
Mo, 6.2. 18:00 Uhr / 20:00 Uhr
Di, 7.2. 18:00 Uhr / 20:00 Uhr
Mi, 8.2. 18:00 Uhr / 20:00 Uhr

Titelbild © www.tgv-movie.com

47 Artikel

5 Kommentare zu “TGV, Weichkäse, Schweizerfähnchen und eine Oscar-Nomination.

  1. Lieber Markus
    Ich freue mich sehr darüber, wie du all das Erlebte – Gesehene und Gehörte in Worte gefasst hast mit so einer feinen Art. Ich danke dir herzlich, denn ich könnte meinen Freunden nicht besser von diesem einzigartigen Erlebnis bezüglich dieses Filmes und dessen Hintergründe wie es dazu kam erzählen.
    Anita

  2. Liebe Anita
    Danke für Dein Lob! Wie Du schreibst, es war ein einzigartiges Erlebnis. Einfach so viele verschiedene wunderbare Dinge, die an diesem einen Tag zusammengekommen sind. Einfach unvergesslich!
    Ganz herzliche Grüsse,
    Markus

  3. Eine tolle Geschichte, die ich bisher nicht kannte! Es soll wohl auch einen ICE-Fan geben, welcher an der Strecke Richtung Schaffhausen wohnt. Ein befreundeter Lf in der ICE-Gruppe Zue erzählte mir vor 10 Jahren, dass dieser immer auf dem Balkon steht und winkt, was der jeweilige ICE Lf mit dem Horn quittiert. Ob das heute noch so ist?

    Ich freue mich auf weitere Geschichten von dir, welche mir hoffentlich die lange Wartezeit bis zum Start meiner LfA Klasse im 2017 verkürzen. Ich wünsche dir gute Fahrt und allzeit Fahrbegriff 1!

    1. Hallo Ferry
      Zuerst einmal herzliche Gratulation zu den bestandenen Eignungstests. Ich wünsche Dir viel Freude in der Ausbildung und später im neuen Beruf.

      Der Film geht wirklich ans Herz. Schau ihn Dir mal an, wenn er in Deiner Nähe gezeigt wird.

      Ja, es gibt immer wieder treue „An-uns-Denker“. Die einen pflanzen extra Blumen am Bahnbord, die anderen winken oder Esthi Frisch hat uns jedes Jahr eine Weihnachtsbotschaft geschickt. Das sind die kleinen und grossen Aufstelker im Alltag…

      Lieber Gruss,
      Markus

  4. Lieber Markus,
    Erst jetzt bin ich in den Genuss deines Artikels gekommen. Es war für mich eine riesen Freude so viele SBB Fans dabei zu haben in Locarno. Hoffentlich folgen noch viele weitere Auffürhungen – wir bemühen uns. Dir weiterhin alles Gute. Bis bald. Liebe Grüsse, Timo

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