Was ist genau eine Stellwerkstörung?

Lieber Doktor Bahnsinn

Was genau ist eine Stellwerkstörung?

Danke für Deine Antwort.

Gruss Patrick

Hallo Patrick

Du greifst ein aktuelles Thema auf. Eine Stellwerkstörung kann vieles sein – das Gemeinsame ist jedoch, dass es Ereignisse sind, die mit Sicherungsanlagen zu tun haben. Begrifflich etwas eigenartig ist, dass meistens gerade nicht die Stellwerke betroffen sind, sondern ein Streckenabschnitt. Bestes Beispiel ist die so genannte «Gleisfreimeldestörung»: Weit und breit ist kein Zug auf den Schienen unterwegs und dennoch meldet ein Streckenabschnitt, dass er belegt ist.

Daneben gibt es noch weitere Gründe für Störungen, etwa defekte Lampen von Signalen oder Barrieren sowie Weichen mit unklarer Stellung. Treten die Störungen an neuralgischen Stellen im SBB Netz auf, kannst du dir vorstellen, dass sie den Zugverkehr entsprechend stark beeinträchtigen. Zur Erinnerung: Die Schweiz hat den weltweit dichtesten Fahrplan mit dem am stärksten belegten und beanspruchten Schienennetz!

Auch ich ärgere mich, wenn ich höre: «Geschätzte Fahrgäste, wegen einer Stellwerkstörung verzögert sich unsere Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit.» Dennoch bitte ich hier um Verständnis und erkläre gerne den Hintergrund: Ein Zug von Bern nach Zürich passiert auf seinem Weg rund 500 Weichen und 140 Signale – allesamt müssen richtig eingestellt sein. Damit die Reisenden sicher und pünktlich von A nach B kommen, müssen zudem nicht weniger als 200 000 Schaltungen (oder: Relaiskontakte) entlang der Strecke fehlerfrei funktionieren. Wenn wir das hochrechnen, so sind das täglich 500 Millionen Schaltungen oder pro Sekunde deren 6000. Pro Tag kommt es auf dem SBB Netz im Schnitt zu 17 Störungen, vor acht Jahren waren es noch ein Drittel mehr.

Grafik aus via 2/2013 www.sbb.ch/via
Grafik aus via 2/2013 www.sbb.ch/via

Stellt sich die Frage: Was tun die rund 450 SBB Sicherungsanlagentechniker/innen, wenn beispielsweise die Weiche 114 auf besagter Strecke nicht mehr funktioniert und im Zug hunderte Reisende auf ihre Weiterfahrt warten? Zuerst wird der entsprechende Abschnitt automatisch gesperrt, die Signale bleiben rot. Dann versuchen die zuständigen Mitarbeitenden in der Zugverkehrsleitung die Weiche per Mausklick zu stellen – ein eingeklemmter Stein liesse sich womöglich durch hin- und herbewegen lösen.

Schaffen sie es nicht, muss eine Technikerin oder Techniker kontaktiert werden. Diese müssen binnen einer halben Stunde vor Ort sein und dort so rasch wie möglich die Störungsursache finden. Hat sich etwas verklemmt? Fehlt es der Weiche an Schmiermittel? Im Winter: Läuft die Weichenheizung nicht? Manchmal ist – du glaubst es kaum – ein Staubkorn die Ursache, welches den Kontakt zwischen den Plättchen verhindert. Mit der Folge, dass kein Strom fliesst und die Weiche nicht gestellt werden kann.

Während die Störung behoben wird, suchen wir hinter den Kulissen im Expresstempo nach Lösungen, wie die Reisenden trotzdem so rasch wie möglich an ihr Ziel kommen können. Dass dies nicht immer einfach ist und nicht immer eine für alle zufriedenstellende Lösung gefunden werden kann, liegt auf der Hand. Die SBB verteilt deshalb den Kundinnen und Kunden im Sinne einer Geste bei Verspätungen im nationalen Fernverkehr ab 60 Minuten so genannte Rail Checks «Sorry» (10 Franken in der 2. Klasse bzw. 15 Franken in der 1. Klasse). Und wenn alle Stricke reissen und auch der fahrplanmässig letzte mögliche Zug verpasst ist, organisiert und bezahlt die SBB eine Hotelübernachtung. Mehr dazu erfährst du unter den Fahrgastrechten.

Dein Doktor Bahnsinn

 

Links / Mehr Informationen.

«Der Stellwerkstörung auf der Spur» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet, 19.08.2015)

43 Artikel

7 Kommentare zu “Was ist genau eine Stellwerkstörung?

  1. Wann werden die Relais ausgetauscht, wie wird der Zustand von Kontakten gemessen, kann man da eine Fehlerwahrscheinlichkeit berechnen?

    1. Hallo Ludwig
      Vielen Dank für deine Fragen. Wegen den Feiertagen kann ich dir erst jetzt antworten.
      Austausch: die Relais werden einmal im Jahr geprüft. Bei einer kritischen Beurteilung werden sie bei der nächsten Revision ersetzt. Im Störungsfall wird das verursachende Relais natürlich sofort ausgetauscht.
      Messung Kontakte: Bei über 8 Mio. Kontakten ist eine laufende Einzelüberwachung auf Verschleiss nicht machbar. Die Relaiskontakte werden an Hand von Referenzmustern geprüft.
      Fehlerwahrscheinlichkeit: unter Laborbedingungen ist das klar eruierbar (durch den Hersteller). Im Alltagsbetrieb werden die Relais jedoch unterschiedlich starkt beansprucht. Deshalb wenden wir verschiedene Kriterien an, um den Zustand und die Fehlerwahrscheinlichkeit zu ermitteln.
      Gruss & gute Fahrt, Daniel

      1. Ja danke. Die „Referenzmustern“ und „Kriterien“ würden mich interesieren, wenn man da ins Detail gehen könnte. Einmal im Jahr ist schon ziemlich oft. Ich habe gedacht nach eine Analyse kann man die am meisten beanspruchte Kontakten bestimmen und die Belastung unter normalen Bedingungen und z.B. im Winter messen. Solche Belastung kann man simulieren. Wenn dieses Relais „tod“ wäre (stärkere Erwärmung), dann würde man weitere Relais messen.

        1. Hallo Ludwig
          Danke für dein Interesse. Ich habe die Antworten für das Blog aufbereitet, sonst hätten sie den Umfang des Kommentarbereichs gesprengt ;)
          Ich sende dir die Details an deine eingetragene E-Mail-Adresse zu.
          Gruss, Daniel

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