Von wegen Freizeitreisende sollen Pendlern Platz machen…

Freizeitreisende haben in Zügen der Hauptverkehrszeit nichts zu suchen. Unsere Autorin Marianne Schild hat sich zu dieser weit verbreiteten Meinung Gedanken gemacht. Eine Glosse.

Ich wundere mich immer wieder über Pendler, die sich ausgiebig über Freizeitreisende in Hauptverkehrszeiten auslassen. Du kennst sie doch sicher auch, diese Lieblingsbeschäftigung der Pendler-Blogger, dieser selbsternannten Prinzen und Prinzessinnen des Bahnsystems, oder? Das tönt ungefähr so:

  • «Dann steht da doch tatsächlich so ein Vater mit seinen zwei Kindern auf dem Perron und drückt sich auch noch in den Zug rein. Und das Schlimmste ist: Er hatte einen Kinderwagen dabei. Kannst du dir das vorstellen, einen Kinderwagen?»
  • «Oh mein Gott, die Wanderer. Mit den Wanderschuhen und Faserpelz. Die packen allen Ernstes etwas zu essen aus ihrem Rucksack. Und wenn du wirklich Pech hast, so richtig, dann fangen sie auch noch an zu jassen, haben es lustig und freuen sich am Leben.»
  • «Also nein, Gruppen haben in der ersten Klasse nichts zu suchen. Die sind viel zu laut, ja weil die reden ja zusammen.»
  • «Was bitte sehr haben Pensionierte im Zug von Zürich nach Bern um 7:02 Uhr zu suchen? Das sind doch Pensionierte, die Grauhaarigen dort. Ich meine, wenn sie nicht zu einer anderen Zeit reisen können, dann sollen sie doch sonst was machen. Aber doch nicht das Wirtschaftswachstum gefährden, mit ihren drei Sekunden, die sie länger zum Aussteigen brauchen.»

Ich begegne auch im privaten Umfeld immer wieder solchen Leuten. Leuten die meinen, die Züge von 6.00 – 8.00 und 17.00 – 19.00 Uhr seien ausschliesslich für Leute mit Reisegrund «Erwerbstätigkeit» da und Freizeitreisende hätten ihnen Platz zu machen. Weil sie MÜSSEN ja zur Hauptverkehrszeit reisen. Hast du diesen Spruch nicht auch schon tausend mal gehört? Aber was heisst schon «müssen»?

Wenn man den Studien glaubt, und ich glaube an Studien, dann können zwischen 50 und 65 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz ihre Arbeit zeitlich und örtlich unabhängig erledigen. Irgendwie habe ich rein intuitiv das Gefühl, dass die Pendler-Prinzen auch zu denen gehören. Aber ich kann mich täuschen. Vielleicht arbeiten die Pendler-Prinzessinnen als Verkäuferinnen im Coop oder als Lehrerinnen im Gymnasium und sind daher an fixe Arbeitszeiten gebunden. Spielt eigentlich keine Rolle. Sicher ist, dass in den vollen Hauptverkehrszügen die Anzahl derjenigen, die ihre Reisezeit flexibel gestalten könnten, hoch ist. Und dabei könnten sie in der Nebenverkehrszeit ökonomischer, ökologischer und erst noch viel komfortabler reisen. Egal, was der Reisegrund ist.

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Wären da nicht die mächtigen sozialen Normen, geprägt von Arbeitseifer und Fleiss in direkten Zusammenhang gebracht mit frühem Aufstehen. Es würde mich ja sehr freuen, wenn die Grundsatzthese «Wer nicht arbeitet, ist weniger wert» nicht stimmen würde. Aber wer die Serie «Stadt ohne Namen» von Arte France gesehen hat, weiss, dass etwas Wahres daran ist und dass wir da nicht hinwollen. Wer sagt: «Morgenstund‘ hat Gold im Mund», dem entgegne ich: «Biorhythmus» Wer sagt: «Zeit ist Geld», dem sage ich: «auch Freizeit ist Geld». Wer sagt: «Freizeitreisende sollen den Berufsreisenden Platz machen», den frage ich «Wieso denn? Mach doch selbst Platz» Und ich sage euch allen: «Tut es mir gleich»! Work Smart nennt sich diese Art zu arbeiten, welche übrigens noch viele weitere Vorteile mit sich bringt. Mehr Informationen auf der Seite von Work Smart.

Natürlich ist es wichtig, dass der Arbeitgeber da mitspielt. Und überhaupt: warum nicht gleich ein Spiel daraus machen? Motiviere deine Kollegen und Vorgesetzten zum Mitmachen. Die Teilnahme an einer Sitzung per Videokonferenz zählt 10 Punkte. Jeder Pendelweg, bei dem ein voller Zug vermieden werden konnte, zählt zwanzig. Das Team davon überzeugen, erst um 13 Uhr in der Kantine zu Mittagessen, zählt jedes Mal dreissig. Wenn die Kolleginnen und Kollegen dann auch später kommen oder früher gehen hat man schon am ersten Tag ein weniger schlechtes Gewissen. Und nach ein paar Wochen merkt man es schon gar nicht mehr. Am Ende des Monats wird derjenigen oder demjenigen mit den meisten Punkten die Krone aufgesetzt. Damit hätten wir auch geklärt, wer wirklich die Bezeichnung Pendler-Prinzessin und Pendler-Prinz verdient.

Abschliessend möchte ich allen unseren hoch geschätzten Freizeitkundinnen und -kunden sagen: Ihr seid in unseren Zügen jederzeit willkommen. Ich persönlich empfehle euch, Züge in der Nebenverkehrszeit zu nutzen. Dann werdet ihr nicht von klackernden Tastaturen und eiserner Stille gestört.

 

Work Smart Initiative.

Flexible, ortsunabhängige Arbeitsformen sind in vielerlei Hinsicht eine echte Win-Win-Situation. Sie erhöhen die Personalmotivation, steigern die Produktivität und entlasten die Hauptverkehrszeiten. Die Work Smart Initiative möchte deshalb Unternehmen und Institutionen bei der Umsetzung von flexiblen Arbeitsformen unterstützen. «Work Smart» wird von der SBB und weiteren grossen Schweizer Arbeitgebern getragen.

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